Sind Vegetarier spiritueller? Und was hat das mit meiner Hochzeit zu tun?

Unglaublich, es ist kurz vor Weihnachten (2015), die Sonne scheint, draußen ganze 12°C plus.

Ich sitze vor dem Computer, schaue aus dem Fenster und fühle mich so richtig schön wollig müde. Es ist eine stille und erfüllende Müdigkeit, die mich zufrieden stimmt. 2015 war für mich ein Jahr voller Wunder, Wandel, Erkenntnisse… Meine Flexibilität, mein innerer Schweinehund und Angsthase wurden oft in die Knie gezwängt und eines Besseren belehrt.

Zum Glück! Denn, ja, das Jahr 2015 ist mein Glücksjahr. Ich habe mich schon immer als das Lieblingskind der Götter angesehen, aber 2015 – trotz aller Widerstände, Auf und Abs – sticht definitiv heraus. Ich ging über meine Grenzen. Nein, falsch ausgedrückt – über meine Komfortzone. Ihr wisst schon, diese behaglich bequeme, heimelige Box des Lebens, die ich mir doch so schön eingerichtet habe. Mit hohen Wänden und traumhaft schönen Hecken drumherum. Im liebe- wie mühevoll ausgeheckten Labyrinth-Muster angelegt, damit alles Unerwünschte schön außen vor bleibt.

Ich habe dieses Jahr viel gewagt, neuen Sachen in meinem Leben Einlass gewährt, die ich vorher als »never ever« etikettiert habe. Ich versuchte offen zu bleiben. Trotz aller Skepsis und Zweifel und emotionaler Widerstände. Nachhinein fragt man sich immer »Was war da zu wagen? Lächerlich. Alles easy-peasy. Aber trotzdem, ich bin stolz auf mich. Und auch, wenn ich momentan energetisch nicht so auf der Höhe bin und mich auf die (arbeits)freien Weihnachtstage im Kreise der Familie freue, möchte ich heute noch mit meinem ersten Blogeintrag anfangen. Um damit – sozusagen – den Glücks-Flow dieses Jahres noch voll ausnutzen. So bin ich dieses Jahr wahrlich ins Rutschen gekommen, und dies nicht zu kurz!

Viele fragen mich immer wieder, ob vegetarisch essen »spiritueller« sei. Der Anlass ist wohl der, weil ich selber Vegetarierin bin. Manchen ist das egal, manchen ein Dorn im Auge, manche sind wirklich neugierig. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich durch mein kein-Fleisch-essen scheinbar angegriffen fühlen. Und das, obwohl ich als Vegetarierin nie missioniert habe. Und falls ja, irgendwie unterschwellig und unbewusst passiert, hey Leute, so möchte ich mich an dieser Stelle dafür entschuldigen. Das meine ich ehrlich.

Bevor ich mein Statement dazu abgebe, ob man als Vegetarier spiritueller ist, möchte ich meine Beweggründe dafür offenlegen, warum ich selber auf Fleisch verzichte. Die sind nämlich ganz simpel. Ich habe mich schon als Kind geweigert Fleisch zu essen, was meine Eltern zur echten Verzweiflung brachte. Weil es mir nicht schmeckte. Punkt. Damals – ich bin auch nicht mehr der jüngste Jahrgang – war das ungewöhnlich. Umso mehr da ich in Polen zur Welt kam, ein Land das für seine schwere, Fleisch betonte Küche bekannt ist. Heute hat sich die polnische Küche natürlich gewandelt, aber in jenen Tagen gab es Fleisch schon zum Frühstück in Form von Schinkenbrot u.ä.. Ich spreche natürlich nicht von armen Menschen, die es sich nicht haben leisten können. Aber wer konnte, hat Fleisch gegessen, 3x täglich. So auch bei uns. Meine Mama war eine begnadete Köchin, die alles selber frisch kochte. Umso größer war das Unverständnis, warum das Kind die ach so leckeren Sachen nicht essen wollte. Nun ja, ich habe als Kind wirklich wenig und überhaupt ungern gegessen. Mein Körper hat früher nicht so viel gebraucht wie heute. Und am liebsten habe ich eben Gemüse, Salat sowie Weißbrot mit Kirschmarmelade verspeist. Mhhhmmm. Trotzdem lag immer, in unterschiedlichster Form, Fleisch auf meinem Teller. Da sich meine Eltern aufgrund meines mangelnden Appetits immer um meine „Unterernährung“ sorgten und mein Papa dazu auch noch Arzt ist, bestanden sie leider oft genug darauf, dass ich nicht vom Tisch aufstehen durfte bis das Fleisch gegessen wurde. Das Gemüse durfte liegen bleiben. Na super. Ich war zwar klein, aber nicht auf den Kopf gefallen, also schaufelte ich alles Fleisch rein und … behielt es im Mund. In einer meiner Hamsterbacken, links oder rechts, die spektakulär groß werden konnten. Ich hoffe, dass sich diese Backen-Dehnübungen im Alter nicht rächen und ich eines Tages mit riesigen Hängelefzen aufwache. So schlau ich war, war ich auch ein extrem braves Kind. Meine Mutter hat mir zwar erlaubt mit meiner Hamsterbacke vom Tisch aufzustehen und nach draußen spielen zu gehen, aber sie verbot mir das Fleisch auszuspucken. Und ich habe es nicht gewagt. Im Ernst! Damals ging ich davon aus, dass meine Eltern allwissend und hellsehend sind. Also kehrte ich einige Stunden später mit einer vollen Hamsterbacke gefüllt, zurück. Ab und zu wechselte ich die Seite von rechts nach links. Inzwischen war das Fleisch – na ja, ich beschreibe es lieber nicht in welchem Zustand. Sagen wir mal so, mein Vater als pflichtbewusster wie genialer Arzt empfahl es schleunigst auszuspucken. Was für eine Wohltat! Irgendwann, mit dem Beginn der Pubertät, begann ich Fleisch zu essen und sogar zu mögen.

Dies dauerte bis Anfang 20. Ich mochte Fleisch immer noch, aber hier begannen meine Magenprobleme. Irgendwas schien meinem Magen nicht zu behagen. Ich wusste lange Zeit nicht, was der Auslöser sein könnte. Bis mein Körper immer lauter sprach und ich dieses Unbehagen Fleisch gegenüber spürte. Ich mochte plötzlich den Geruch und Geschmack nicht mehr leiden. Peu à peu fielen manche Fleischsorten aus meiner Menüliste raus, während ich andere Fleischgerichte trotzdem noch gerne aß. Mit der Zeit wurde ich auch dieser überdrüssig, d.h. mir wurde oft schlecht vom Fleisch, auch wenn ich Lust darauf hatte. Entweder reagierte mein Magen bereits schon auf den Geruch, der mir vom Teller in die Nase stieg, oder rebellierte danach. Eines Tages war meine Aversion „perfekt genug“ um selbstbestimmt und ohne Reue auf vegetarisches Essen umzustellen. Es hat auch insofern perfekt in mein Leben gepasst, als dass ich zu diesem Zeitpunkt von Menschen umgeben war, die es für normal hielten sich vegetarisch zu ernähren. So ist mir der Sprung – mit gleichzeitigem Erwachen der Liebe zur indischen Küche – sehr leicht gefallen. Dieser Liebe blieb ich bis heute treu.

Eines Tages kochte ich für meine Familie. Gefüllte Wachteln, für andere Lammkrone sollte es geben. Ich bereitete die Steaks vor, die zerlegten Wachteln lagen auf der weißen Arbeitsfläche, ich stand mit einem Messer in der Hand mitten in der Küche. Plötzlich ist die Welt für einen kurzen Augenblick stehen geblieben. Nennen wir es der Einfachheit halber ein mystisches Erlebnis. Ich schwebte energetisch neben mir, sah mich, sah auf die strahlend weiße Arbeitsfläche und mein Messer, beides voller Blut… Ich sah nur noch ROT. Eine Stimme flüsterte »Du hast sie getötet.« In diesem Augenblick wusste ich, ich will nicht nur Vegetarier sein, sondern auch kein Fleisch mehr kochen. So kam eins zum anderen.

Auch wenn die allgemeingültige Meinung einiger meiner Freunde war, dass sich vegetarisch zu ernähren definitiv spiritueller sei, und man sich dem Tierreich gegenüber möglichst gewaltlos verhalten soll, konnte ich, wenn ich ganz ehrlich war, solch edlen Gründe nicht mein Eigen nennen. Ich dachte wirklich, ich würde Fleisch einfach nicht mögen und basta. Es hätte überhaupt nichts damit zu tun gehabt, ob es spirituell sei oder nicht. Und mit dem Töten oder Verletzen von Tieren hatte mein Verhalten auf Fleisch zu verzichten schon gar nichts zu tun. Außer, dass ich kaltes Fleisch bis heute nicht gerne anfasse.

Es ist schon erstaunlich, aber mit dem Umstellen meiner Essgewohnheiten auf vegetarisch, wandelte sich mein ganzer Freundeskreis. Anscheinend war ich für meine alten Freunde durch meinen plötzlichen Wandel und die Tatsache, dass ich auch keinen Alkohol trank, sozial nicht mehr interessant, ja geradezu langweilig und bieder erschienen. Sie konnten mit mir nichts mehr anfangen. Nun ja, der Verlust ihrer und das Verhalten mir gegenüber taten weh, allerdings war es auch für mich nicht ideal gewesen weiterhin durch Kneipen zu ziehen, deren Menüs anno dazumal nur Pommes frites oder Käsespätzle als die einzigen vegetarischen Gerichte offerierten.

Mit der Umstellung meines Essens reagierte ich auch immer empfindlicher auf den Geruch von Fleisch, selbst bei meinen Tischnachbarn. Ich konnte den Geruch von gebratenem Fleisch oder Fisch nicht mehr ertragen. Ich fand es nur noch abstoßend. So war es nur eine natürliche Folge davon, dass ich bald neue Freunde – alle Vegetarier – fand. Wir gingen in andere Lokale, so entdeckte ich die indische Küche. Es klingt vielleicht krass, aber vor der Jahrtausendwende war es selbst in Deutschland nicht üblich fleischlos zu essen. Im Gegensatz zu heute, wo man fast in jeder bayerischen Gaststätte (ich stamme ursprünglich aus München) eine erstaunlich gute Auswahl an Vegi-Menüs bekommt, waren seinerzeit meine Mitmenschen und manch eine Bedienung echt überfordert, geradezu genervt von meinen extra Wünschen. Aber immer nur Salat und Spaghetti mit Tomatensoße, das macht auch keiner auf die Dauer mit. Nun, das Problem löste sich von selbst, indem ich meinen Bedarf auswärts essen zu gehen zügelte und dafür anfing mehr selber zu kochen. Statt auszugehen, trafen wir uns lieber privat und kochten selber. Ich sammelte begierig neue kulinarische Rezepte, denn damals wusste ich selber nicht, was ich mir am nächsten Tag kochen könnte. Indem man das Fleisch weglässt, entsteht noch lange kein befriedigendes Vegi-Gericht.

Manche von euch wissen schon, dass die energetischen Heilmethoden zu meiner großen, leidenschaftlichsten Berufung im Leben gehören. In jeder meiner freien Minute las ich Bücher dazu, besuchte Seminare und machte unterschiedliche Ausbildungen im In- und Ausland. Ich investierte ein kleines Vermögen dafür, das sich später ausbezahlen sollte. So verkehrte ich immer öfter mit Leuten, ob privat, in Ausbildung oder in Yoga Center, die aus spirituellen Gründen auf Fleisch verzichteten. Manche waren diesbezüglich sehr rigoros und fanatisch drauf. Das prägt natürlich. Auch wenn ich mir dessen nicht so bewusst war. Allein in meinem Yoga Center lernte ich von den drei unterschiedlichen, als Gunas bekannten, Qualitäten des Essens. Natürlich wollte ich nur die „reinste“, sattvige zu mir nehmen. Schließlich war ich auf den Weg zu meiner Erleuchtung, oder?

Während meiner Ausbildung zur Heilerin erfuhr ich, dass nur reine Vegetarier über die für diese Arbeit notwendige Energiezufuhr verfügten und deren subtile Qualität aufbauen könnten. Ich lernte die indische Yoga-Philosophie samt Ahimsa kennen, der Haltung von Nicht-Töten und Nicht-Verletzen allen Lebewesen gegenüber. Um geistig und energetisch zu wachsen durfte ich das nicht außer Acht lassen. Ich war viel in Indien unterwegs, ein vegetarisches Eldorado ohnegleichen. Wenn du so viel Zeit mit Gleichgesinnten verbringst, dich eine Zeit lang rein vegetarisch ernährst, zu meditieren anfängst und dich mit Energiearbeit befasst, dann schärft es unumgänglich deine Sinne. Das ist nicht immer gut. Viele denken, wenn man zu meditieren anfängt wird alles besser, leichter, das Leben schöner. Friede, Freude, Eierkuchen. Das ist ein Trug. Erstmal wirst du viel empfindlicher und es dauert eine Weile bis man sich energetisch eine dickere Haut zulegt. Vorher riechst du besser, du hörst besser, dein Geschmackssinn wird zunehmend sensibler und deine Wahrnehmung intensiver. Zumindest bei mir war es so. Ich hatte das ständige Gefühl in einer viel zu lauten, stinkenden Welt zu leben. Ich nahm die Gefühle und Gedanken meiner Nachbarn wahr, ob ich es wollte oder nicht. Es gab keinen AUS-Schalter. Mein Körper wurde so empfindlich, dass ich manchmal leise vor Schmerz weinen oder meine Zähne stark zusammen pressen musste, wenn mich ein Raucher am Körper berührte oder umarmte, um den Schmerz zu ertragen. Wenn mich meine mich über alles liebende Mutter, leidenschaftliche Raucherin, am Kopf und Gesicht streichelte, hatte ich das Gefühl als würde jemand mit einem Handschuh voller Rasierklingen über mein Gesicht fahren. Die Busserl von Rauchern schnitten mir tief ins Fleisch. Mein Unterbewusstsein und Verstand sind schier verzweifelt an der ambivalenten physischen Erfahrung, dass eine wahrlich liebevolle Berührung schmerzen kann. Natürlich zog mein Unterbewusstsein daraus den Schluss, dass es gute und schlechte, schmutzige Energie gibt. Und vor allem, dass selbst liebevolle Berührung schmerzt. Paradox, oder?

Mental war ich damit geeicht »ja, es gibt verschiedene Energien«. Die, die gut taten, und die schmutzigen. Ich fing an zu unterscheiden. Gutes Essen, schlechtes Essen. Das war der Anfang. Später wurde daraus guter Mensch, energetisch schmutziger Mensch. Leider. Die Welt ist so, wie du glaubst, dass sie ist. Dieser Spruch stimmt 100 prozentig. Dies war die Geburtsstunde meines spirituellen Egos. Das hinterhältigste, gefährlichste von allen. Ich fing an zu unterscheiden, zu klassifizieren und abzustempeln. Wer glaubt, dass mein Leben dadurch einfacher wurde, der irrt gewaltig.

Nun war ich also in dieser Gemeinschaft, die das Gefühl verstärkte, erst mal anders, und damit hoffentlich besser zu sein, als die anderen. Solche Dinge entwickeln sich sehr subtil. Ich ging nicht in die Arroganz hinein, dass ich besser sei, sondern suhlte mich in dem schönen Gefühl, dass ich durch mein Handeln zu einer besseren Welt beisteuere. Dagegen lässt sich auch nichts sagen, solange man das Gefühl besser zu sein als alle Fleischesser z.B. nicht verdrängt. Aber jeder Heiler oder Energiearbeiter weiß, dass du nicht an dir arbeiten und gleichzeitig unbequeme Dinge verdrängen kannst. Sie kommen wieder hoch und wollen angeschaut werden. Wie hässlich, igitt, igitt…

Kein Wunder, dass manche Leute aggressiv auf mein Vegetariertum bzw. meine Energie reagierten. Manche äußerten sich bei meiner Bestellung am Tisch abfällig über mich, schließlich trage ich auch Lederschuhe. Die sind auch von Tieren. »Natürlich stammt das Leder von den Tieren, aber deshalb muss ich meine Schuhe nicht essen« konterte ich wenig überzeugend zurück. Damals habe ich diese Konfrontationen nicht verstanden. Heute weiß ich, dass die Menschen einfach auf meine Energie reagiert haben. Sie spürten meine unbewusste aber vorhandene negative Einstellung Fleischessern gegenüber. Der Mensch kann lügen, aber die Energie lügt nie, man kann anderen nichts vormachen. Und dazu muss man nicht erst in Energiearbeit involviert sein. Jeder kennt das Bauchgefühl, dass ihm ein Mensch von der ersten Sekunde an unsympathisch oder unglaubwürdig erschien und sich dieser Eindruck später bestätigte.

Was mich aber schon immer gestresst hat war die Tatsache, dass mir Nichtvegetarier ab und zu Fleisch andrehen wollten. So bekam ich z.B. Suppe serviert, die auf Fleischfond beruhte. Ich war irritiert, den es roch nach Fleisch. Die Person versprach mir hoch und heilig, die Suppe wäre rein vegetarisch und ich könnte sie ruhig essen. Man muss aber wissen, als Vegetarier riecht man das Fleisch wirklich leicht heraus, weil das Bukett den Nasenwänden nicht gerade schmeichelt. Als ich fragte, warum ich diese Suppe vorgesetzt bekam, kam »Ach, du bist so dünn, ich wollte, dass du mal wieder G‘scheits isst.« Solche Aktionen haben mich sehr misstrauisch gestimmt.

Ich gebe zu, meine negative Einstellung Fleisch und Fleischkonsumenten gegenüber war definitiv fehl am Platz, aber man muss doch Vegetariern nicht wissentlich Fleisch unterjubeln. Je länger ich auf Fleisch verzichtete, desto größer wurde meine Abneigung. Heute würde ich sagen, dass das alles kopfgesteuert war. Nur damals konnte ich damit nicht umgehen bzw. ich empfand es als richtig. Als ich anfing alles als gut oder schlecht hinzustellen, insbesondere die Nahrungsmittel, habe ich mich nicht nur davor geekelt Fleisch anzufassen. Auch meine Haut streikte und fing mit allen möglichen allergischen Reaktionen an. Ich war verzweifelt. Passte ich doch so gut auf alles, was ich aß auf, bereitete fast täglich alles frisch zu und jetzt auch noch Ausschlag. Na super. Ergänzend muss ich erwähnen, dass ich keine Milchprodukte vertrage. Wenn ich manchmal zu viel Schokolade esse ist mir klar, dass ich dafür ein paar Pickel in Kauf nehmen muss. Das ist natürlich unsexy. Also war ich seit jeher darauf konditioniert aufzupassen, was ich esse. Jetzt kam dann noch zusätzlich Fleisch auf die Do-not-eat-Liste. Schlicht und einfach, diese Liste wuchs ständig und es wurde immer schwieriger etwas Essbares zu finden. Entweder hatte ich Ausschlag oder Durchfall. Oder beides. Dann wiederum gar keine Reaktion auf die gleiche Nahrung. Hmm. Mein Hirn kam mit dem Aktualisieren und Auswerten gar nicht mehr nach. Ich auch nicht. Und mein Magen und Darm schon gar nicht. Die Ursache lag nicht nur an der „schlechten“ oder falschen Ernährung, sondern war vor allem emotional bedingt. Ich war ätherischen Verschmutzungen gegenüber kriegerisch gestimmt. Ob Ort, Lebensmittel oder Person, es lief nur ein Programm in Form der künstlichen Intelligenz und das hieß »SCHMUTZIGE ENERGIEN ELIMINIEREN«. Ich wurde zu einer ätherischen Killer-Maschine. Schade, dass ich heute noch nicht soweit bin eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, um dieses Programm schon vor dem Entstehen zu eliminieren. Wäre cool, die Zeitlinie neu zu schalten.

Wie ihr merkt, war mein Widerstand wirklich groß. Blöd nur, dass alles was du ablehnst immer stärker wird. Das ist das energetische Gesetz. Die Energie folgt dem Gedanken. Alles worüber du denkst, dem gibst du Energie. Ich dachte dies und jenes ist nicht gut für mich, nicht gut zum essen, der Ort nicht gut zum verweilen, die Person ein Energiefresser. Hey, es ist super hilfreich, wenn man das weißt. Aber nicht, wenn der Fokus ausschließlich auf Negatives ausgerichtet ist. Folglich musste selbst meine Haut mein Unbehagen gegenüber Dingen und Menschen in Form von Pickeln oder Ausschlägen ausdrücken. Wie innen, so außen. Jetzt fragt ihr euch vielleicht warum ich als Heilerin mir nicht selber helfen konnte? Ganz einfach, weil der Heiler an der Ursache arbeitet. Diese muss beseitigt werden. Alles andere ist ein nie endendes Rummachen an Symptomen. Erst muss man die Ursache erkennen. Das bedeutet oft eine mühselig akribische Detektivarbeit. Insbesondere bei sich selber, weil man sich manche Themen nicht anschauen will. Du wirfst deinem Unterbewusstsein etwas vor die Füße und sagst »das ist eine hässliche Seite von mir, tu’ sie mal ganz weit weg. Das wollen wir uns nicht anschauen.« Das Unterbewusstsein schließt es hinter 100 Türen weg. Damit wir vor uns selbst gut da stehen können, geben wir diesem weggesperrten Ding eine neue Erklärung. Nein, ich verdränge dich nicht, du gehörst einfach gar nicht zu mir. Ich bin jetzt spirituell und es ist wichtig auf meine Energien zu achten.

Mit diesem neuen Etikett versehen, hinter 100 Türen verschlossen, wie soll meine Intuition diesen selbst erzeugten geistigen Wärter umgehen? Fast unmöglich. Man sieht nur das, was man sehen möchte. Auch ich musste erst reifen um es zu be- oder überhaupt zu greifen. Ich möchte die Verantwortung für mein Denken und Handeln nicht auf vermeintlich falsche spirituelle Lehren abwälzen. Ob man den Kern einer Lehre überhaupt versteht, und was jeder einzelne daraus macht, dafür ist, meiner Meinung nach, jeder selbst verantwortlich. Damals verstand ich es so, dass niedere Energien nicht gut für die spirituelle Entwicklung wären. Und ich wollte mich definitiv weiter entwickeln. Dazu gehörte der Versuch ätherisch so rein wie nur möglich zu leben. Die Vermeidung von ätherisch schmutzigen Energien scheiterte natürlich kläglich. Zudem fokussierte ich mich dadurch fast zwanghafte auf ausschließlich Negatives. Das war mein eigener Denk- und Handlungsfehler, der mein Leben stark beeinflusste. Alles basierte bei mir damals im Grunde auf einem Gefühl des Mangels. In meinem Fall, explizit auf dem Mangel an hoher, reiner Energie. Ich sah und bewertete mich und die Welt nur noch durch eine energetisch schmutzige Brille.

So bewachte ich beim kochen meine Mama, meine Oma und meine engsten Freunde mit Argusaugen, sollte ich selbst davon essen wollen. Die Angst, etwas ätherisch Schmutziges aus Versehen zu mir zu nehmen und dadurch die vielen Stockwerke auf meiner spirituellen Leiter wieder runter zu purzeln, die ich mir so hart nach oben erkämpft hatte, war groß. Weihnachtszeit war deshalb eine echte Herausforderung für mich.

So lange ich in München wohnte, feierte ich Weihnachten immer mit meiner Mama und Oma zusammen. Als gebürtige Polen galten für diese Feiertage natürlich polnische Maßstäbe. Meine Oma war da sehr konservativ und strikt, meine Mama hatte auch ihre polnischen Essenswünsche und ich fand, indisch schmeckt mir am besten, also warum polnisch? Man isst in Polen am 24. Dezember zwar kein Fleisch, aber dafür Fisch. Meine Oma bestand auf ihren polnischen Karpfen mit Steinpilzkraut. Meine Mama mochte den nicht, sie wollte Lachs auf einer leichten Soße mit polnischen Beilagen. Barszcz z uszkami (Rote-Beete-Suppe mit Pilz-Teigtaschen) wollten wir alle haben. Meine Oma fand, dass der gebratene Karpfen als Hauptgang nicht reicht, sie hat für alle Fälle noch einen Karpfen in Aspik gelegt. Sowie oft noch 2, 3 weitere Varianten dessen vorbereitet und mitgebracht. Hauptsache Karpfen. Dazu musste es immer frisch geriebenen Meerrettich geben. Uff, es gab viel zu tun und viel zu bewachen.

So mit den Jahren des vegetarischen Frönens habe ich noch eine weitere Eigenart entwickelt. Ich fand es grauenhaft, wenn meine Pfannen oder Teller mit Fleisch oder Fisch in Berührung kamen. Nicht, dass mein Gemüse hinterher energetisch verschmutzte … und aus der Traum von Erleuchtung. Ja, Weihnachten war definitiv eine harte Zeit für mich. Später kam dazu, dass ich Fleisch nicht mal anfassen wollte, um mich nicht zu verunreinigen. Einmal, als ich bei meinem Vater zu Besuch war, beschlossen sie spontan eine Willkommensparty für mich zu schmeißen. Da mein Vater in Schweden wohnt, gab es sowohl polnische als auch schwedische Lecker- oder Schweinereien. Die zweite Frau meines Vaters, auch Polin, ist eine grandiose Köchin. Es gab Unmengen an Essen. Ich half in der Küche alles schön auf Teller, Schälchen und Platten zu richten. Was soll ich sagen, die Heringe mit einem Löffel in eine Schale zu kippen war einfach. Das ging noch für mich. Als mich Anna bat den Parmaschinken um die Melone zu wickeln, war ich vor Schreck wie erstarrt. Was, Schweinefleisch in die Hand nehmen? Ich? Hilfe! Ich muss so perplex drein geschaut haben, dass sie sagte, sie würde es selber tun … Ich wollte auch nicht so sein… Ich fand, wenn sie sich schon so große Mühen für mich machte, dann kann, muss ich doch mithelfen. Ich wickelte den Parma mit großem Widerwillen um die blöden Melonenschnitze. Mein spirituelles Ego wollte sich aufhängen. Meine Fingerkuppen abfallen. Und mein Bewusstsein in Ohnmacht fallen. Ich befürchtete ernsthaft danach nie wieder als Heilerin arbeiten zu können.

Abgesehen von all dem lebte ich glücklich und zufrieden. Bis heute, denkst du? Nein, Witzbold, bis mir mein Essen mit der Zeit zu langweilig und zu monoton wurde, sprich zum Halse raushängte. Bis meine Zunge so gnadenlos nach einem anderem Geschmack lechzte, dass ich mir erlaubte, ich betone, ERLAUBTE über Alternativen nachzudenken.

Aber vorher bin ich noch von München in die Schweiz umgesiedelt. Zu meiner großen, großen Liebe. Zu dem Mann, der heute mein Ehemann ist. Die Schweiz ist schon ein tolles Land, das muss ich sagen. Die Menschen auch. Schwiizerdütsch – erst mal schwierig. Der Lebensstandard – definitiv eine Sprosse höher auf der Leiter des Lebens. Wenn nicht Erleuchtung, dann wenigstens in der Schweiz leben. Herrlich! … Bis auf das Essen. Nicht nur, dass ich durch die Umsiedlung aus meinem engsten »ätherisch reinen« Freundes- und Heilerkreis, aus meiner wohl gehüteten Energieblase gerissen wurde. Nicht nur, dass ich – oh, Schreck – mit Leuten zusammenkam, die mit Heilarbeit nichts am Hut hatten, rauchten und sich des Lebens in vollen Zügen mit diversen Genussmitteln wie Kaffee, Aperol Sprizz, Gummibärli (nein, die sind nicht vegetarisch) und polnischer Bratwurst (wie kann man nur) erfreuten. Hilfe, nein, ich bekam in Luzerner Restaurants fast nichts vegetarisches auf den Teller. Im Ernst. Ein Disaster. Ja, es gibt viele Käsegerichte hier. Aber nochmal, ich esse keine Milchprodukte. Erklär’ das einer einem Schweizer. Hoffnungslos. OH, MEIN GOTT.

Meine erste Silvesternacht mit Dinner in Luzern war ein denkwürdiges Ereignis. Man hat schon vorher die Küchenleitung vorgewarnt und mir Gemüse vorbestellt. Alles kein Problem. Super. Ich freute mich auf diesen Abend, auch wenn ich die letzten Silvesternächte das neue Jahr zwar mit Freunden, aber meditierend begrüßte. Es sollte ein 5-Gang-Menü serviert werden, das Ganze berieselt von (Schreck lass nach) Schlagermusik. Ok, dies ist gar nicht mein Ding, aber egal. Mit guten Freunden macht alles Spaß. Es hat auch Spaß gemacht. Den anderen. Ich? Ich bekam erst 3 Gänge später und nachdem alle anderen Tische im Restaurant mit dem Standard-Hauptmenü versorgt wurden, einen einzigen großen Überraschungs-Teller. Weil »die Küche Ihres erst extra vorbereiten muss« wie man mir im Vorbeihuschen freundlich, aber gestresst hin knurrte. Mein Magen knurrte zurück. Als mein Teller kam, waren meine Tischgenossen wie gesagt mit dem Hauptgang fertig und zum rauchen oder tanzen weg. Mein Mann blieb bei mir, bekundete alle paar Sekunden sein Bedauern und bot mir früh sein inzwischen trockenes Weißbrotbrötchen an. Das half ein wenig. Aber zurück zu meinem Teller. Mein Magen hüpfte vor Vorfreude, denn plötzlich kam ein Riesenteller auf mich zugeflogen. Da drauf: müder Brokkolihaufen und zerkochte Karottenstäbchen. Pur. Aber davon reichlich. Und nicht zu vergessen, ein Feldsalat-Büschel und eine halbierte Cocktailtomate ohne Dressing rundeten den Schmaus ab. Es war nicht gerade fürstlich, aber ja, rein vegetarisch, und wenn man Hunger hat…

Die zweite Überraschung, die mich stark prägte, war mein Hochzeitstag. Ich bin kein Fan von großen Hochzeitspartys. Mein Mann zum Glück auch nicht. Diesen Tag wollten wir alleine mit unseren Trauzeugen in einem Gourmettempelbesuch in Tessin abschließen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Wir entschieden, bei nur 4 Personen könnten wir getrost à la Carte essen.

Unser Trauzeuge wollte sicher gehen, dass ich den Abend ganz bestimmt entspannt vegetarisch genießen kann. Er rief dort 2x an und erkundigte sich, ob man vegetarisch vorab vorbestellen muss. »Gar kein Problem und nicht notwendig« war die Antwort. Es gäbe genug vegetarische Gerichte auf der Karte. Gut. Als wir ankamen suchte und suchte ich vergeblich die vegetarische Gerichte-Spalte. Alle waren noch in der Karte vertieft als die Bedienung kam. Ob wir schon bereit zum bestellen wären? Nein, sagte ich, ich suche noch die vegetarischen Gerichte. Haben Sie was? Na klar, schauen Sie, hier, sagte die Dame, öffnete eine Seite und verschwand. Ich schaute und sah nichts. Komisch. Ich blätterte weiter. Vielleicht hat sie sich mit der Seite vertan. Auf der nächsten Seite war auch nichts. Es war mir peinlich als sie wieder kam um die Bestellung aufzunehmen. Ob Sie so freundlich wäre, mir die Seite noch mal aufzuklappen? Sie öffnete die Seite und zeigte mit dem Finger auf Fisch und Meeresfrüchte. Ich ahnte Schlimmes. Ich sagte, nein, ich esse rein vegetarisch, also weder Fleisch noch Fisch. Sie schnaubte vor Entrüstung und putze mich runter. Sie wären ein Feinschmecker-Restaurant mit exquisiten Gerichten aus aller Welt, dazu eine erlesene Auswahl an vegetarischen Fischgerichten. Aber Veganes hätte ich vorbestellen müssen. Sie war auf 180. Ich ganz klein.

Als sie sich ein wenig beruhigte und in der Küche nachfragte, ließ sie sich zu einem Banausen-wie-ich-war-Vorschlag herab, sie könnten mir Gemüse in Käse gebacken anbieten. Schluck, »ich vertrage leider keine Milchprodukte« piepste es aus mir mit eingeschüchterten Mausstimme heraus. Wir einigten uns auf einen Salat mit pochiertem Ei und Pasta zum Hauptgericht. Penne all‘ Arrabbiata, die sie mir mit dem Spruch »Käse muss ich ja nicht bringen. Sie essen ja keine Milchprodukte« auf den Tisch knallte. Nachdem ich nur Mineralwasser bestellte und auf den Wein verzichtete, was sie als einen Schlag ins Gesicht empfand, ignorierte sie mich völlig. Zum Nachtisch gab es eine leckere Hochzeitstorte mit … einer Tasse grünem Tee statt Dessertwein und Espresso. Wahrscheinlich hat sie vor dem Servieren rein gespuckt, aber egal. Ich war glücklich, mein Mann hat heute schließlich JA zu mir gesagt. Alles andere war nur Beilage.

Man hat es nicht leicht als Vegetarier, gell? Dafür machte ich es mir zu Hause leicht und kochte anfangs für meinen Mann und meine Gäste ausschließlich vegetarisch. Die Reaktionen: »Echt lecker, aber sag mal, geht es euch so schlecht, dass es kein Fleisch gibt?« Upps, »nö, mag ich bloß nicht«. Ein enttäuschtes »Ach so«. Das gab mir schon zu denken. Als dann ein Paket von meiner Mama kam, musste ich wieder schlucken. Ich öffnete es und hielt plötzlich das „Meine Klassiker“ Kochbuch von Alfons Schuhbeck in der Hand. Lauter bayrische Schmankerl, Fleisch und Fischrezepte en masse. Ich runzelte meine Stirn. Ein Begleitbrief von meiner Mama fing mit den Worten an »Damit dein Mann auch was G‘scheits zu essen bekommt« und appellierte an die gute Ehefrau in mir. Ich könne doch schließlich nicht verlangen, dass andere wegen mir auch nur Grünzeug futterten. Als ob mein Mann nichts zum essen bekäme, der Arme. Aber die Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Auch mein Papa erkundigte sich auch des Öfteren wie mein Mann mit dem Hasenfutter denn zurecht kämme. Witzig, witzig. Mein spirituelles Ego konnte da nur noch seinen Kopf schütteln. Tssss. Tssss. Tssss. Dazu muss ich sagen, dass ich verdammt gut kochen kann.

»Ist es an der Zeit umzudenken?« fragte ich mich immer öfter. Das erinnert mich an einen früheren Besuch in Polen. Ich war damals schon eingefleischte Vegetarierin und glückliche Single-Frau. Meine Patentante, wie nicht anders in Polen zu erwarten, briet mir zu Ehren einen ganzen Truthahn. Ich bedankte mich höflich und lehnte ab. Man muss wissen, dass sie nicht gerne kochte und wegen mir den halben Tag in der Küche stand. Nach der ersten Schockstarre und der darauf folgenden peinlichen Stille am Tisch, war es schwierig das Gespräch wieder in die Gänge zu bekommen. Meine polnische Familie hat schwer geschluckt und konnte mich nicht verstehen. Was war bloß aus dem Kind im wilden Westen, sprich Deutschland, geworden? Der 90jährige Vater meiner Patentante, der zu dem Zeitpunkt eigentlich schon nichts mehr hören konnte, schoss plötzlich hoch. Er legte mir seine Hand auf meine Schulter, schaute mir tief in die Augen und sagte: »Grazynko (poln. Konjugation meines Vornamens), du musst mehr essen (also Fleisch, oder meinte er mehr essen = mehr Busen?), dann klappt es auch mit einem Mann.« Schande, nicht nur dass ich Fleisch verschmähte, ich war Anfang 30 und noch unverheiratet. Au weia! Drei Tage später erzählte mir meine Tante, es gäbe da einen netten Mann, der bereit wäre mich kennen zu lernen. Anwalt, wie meine Tante auch. Zwar nicht so gut aussehend, sagte sie, aber aus einer sehr guten und vermögenden Familie, intelligent und voll auf der Karriereleiter nach oben strebend. Ob ich denn wolle? Nein. Ein kleines Wort mit großer Wirkung. Meine Tante war sehr enttäuscht, glaube ich. Und ich? Ich fühlte mich erst im Flieger, zurück nach München, sicher.

Nun, aber zurück zum Thema. Ist es also spritueller sich vegetarisch zu ernähren?
Und was bedeutet es im Grunde spirituell zu leben? Für mich hat die Spiritualität nichts mit Religion zu tun. Ich denke, für jeden bedeutet das Wort und dessen Symbolik etwas anderes. Heute assoziiere ich diesen Begriff mit meiner Freude und meinem Bedürfnis mit dem eigenen Inneren, mit dem weisen, heiligen Teil in mir in Kontakt zu kommen. Mitgefühl, Menschlichkeit, Besonnenheit, Akzeptanz, gegenseitigen Respekt empfinde ich als Werte wichtiger, als auf den Fleischverzehr zu verzichten. Menschen, die nach dem Sinn ihres Lebens fragen, sich selbst reflektieren und die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen, nenne ich spirituell. Sie strahlen eine positive Kraft aus, die ansteckend ist. Sie sind integer. Dass man regelmäßig jeden Sonntag in die Kirche geht, macht alleine noch keinen spirituellen Menschen aus. Vielleicht handelt es sich dabei um jemanden, der im Alltag seine Familienmitglieder verbal misshandelt oder mit anderen physischen und emotionalen Sanktionen bestraft, der sich in der Arbeit ständig wie ein Stinkstiefel verhält und anderen nichts gönnt. Jemand, der zwar verbal höflich bleibt, aber sich »du mieses Arschloch« denkt statt es anzusprechen, ist für mich selbst dann nicht spirituell, wenn er vegan isst.

Aber natürlich entstehen solche Gedanke immer nur, wenn ich vergleiche und mein Wertesystem auf Hierarchien aufbaut. Der ist spiritueller als ich, der weniger.
Ich würde sagen, Spiritualität ist ein »way of life«. Für einige bedeutet es sich rein vegetarisch zu ernähren. Falls das so ist, wunderbar. Klasse.

Ich selbst glaube, dass jeder Mensch ein spirituelles Wesen ist. Der eine lebt es mehr, der andere weniger offensichtlich aus und der dritte vielleicht gar nicht. Die Hierarchien – allen voran die „göttliche“ – haben die Menschen erfunden. Einer meiner spirituellen Lehrer sagte: Gott liebt alle gleich. Er liebt die guten, die weniger guten und die ganz schlimmen liebt Er auch«. So sei es. Wie könnte es auch anders sein? Ich bin der festen Überzeugung, dass der Schöpfer dieser Erde alle sein Schöpfungen ausnahmslos liebt.

Für manche Menschen, Religionssysteme oder im Naturglauben ist die Spiritualität mit bestimmten Ritualen oder spiritueller Praxis verbunden. In Indien gilt als höchstes Gesetz das Ahimsa, also, andere nicht zu verletzen, was unweigerlich zu Vegatarismus führt. Wenn es machbar ist, super, Daumen hoch. Aber heiß es dann automatisch, dass z.B. Indianer, die Büffel jagen nicht spirituell seien? Sind Eskimos schlechte Menschen, weil sie, im ständigen Kampf ums Überleben, von der Jagd auf Wale, Seehunde, Polarfüchse oder Rentiere leben? Wohl kaum, oder? Insbesondere, weil die Naturvölker meistens mit den Gaben von Mutter Erde viel bewusster und dankbarer umgehen. Sie töten und essen nur soviel wie sie wirklich brauchen. Sie hinterlassen keinen oder kaum Müll und bedanken sich bei der Seele des Tieres, dass es sie ernährt. Das ist spirituell. Das sieht in unseren Schlachthäusern oft anders aus. Die Tiere werden während der Schlachtung gequält, der Transport und die Behandlung der Tiere davor schaut auch nicht besser aus. Zum Glück nicht überall.

Ich staune immer wieder wie sauber die Kühe und die Höfe in der Schweiz sind. Beim Wandern gehe ich regelmäßig an ihnen vorbei. Manche Kühe sind nicht nur wohlernährt, sondern bleiben ganz entspannt und lassen sich von mir streicheln, was auf einen positiven und vorhandenen Kontakt mit Menschen hoffen lässt. Natürlich habe ich keine Ahnung, wie man artgerecht Rinder hält. Vielleicht gibt es Tierschützer, die dagegen sind, dass man Rinder streichelt, weil es sie möglicherweise stresst. Ich für meinen Teil resümiere aus der entspannten Haltung der Kühe, dass es ihnen gut geht. Ich bitte alle Profis, Bauern oder Tierschützer um Entschuldigung, falls es nicht so ist. Was ich hier über die Rinder schreibe ist nur meine ganze persönliche (dilettantische) Empfindung und soll nicht als die letzte Bauernweisheit verstanden werden.

Ein Bauernhof auf einer meinen Lieblingsrouten hält Black Angus Rinder – dort flippe ich beim Vorbeigehen regelrecht vor Glück aus. Also, auf einer offener Wiese würde ich mich nie trauen mich Muttertieren mit ihren Kälbchen zu nähern. Aber auf dem Hof gibt es vor den Stallungen einen Auslauf, wo sich die Tiere aufhalten, wenn sie nicht auf der Weide sind. Wenn ich mich davor stelle, meine Arme ausstrecke und anfange sie mit meiner Stimme und süßen Worten zu locken, dauert es nicht lange bis eine neugierige Kuh mich beschnuppern kommt. Wenn ich sie zu kraulen anfange und sie ihren Kopf genüsslich gegen meine Hand presst, kommen bald die anderen und dahinter vorsichtig und vorerst ganz schreckhaft auch die Kälber. Sie riechen an meiner Hand, lassen sich kurz berühren und schauen zur Mama rüber. Wenn Mama (oder Tante?) ruhig stehen bleibt, werden sie zutraulicher.Ich darf sie knuddeln und dann flippen auch sie aus und lecken mit ihrer rauen Zunge alles von mir ab, wo sie nur hinkommen. In solchen Momenten möchte ich sie am liebsten mit nach Hause nehmen. (Ich weiß, das wäre definitiv nicht artgerecht).

Meiner Meinung nach müssen nicht alle Menschen vegetarisch leben, und der Akt des sich vegetarisch Ernährens alleine macht nicht einen besseren Menschen aus dir. Viel wichtiger erscheint mir, dass wir Tieren unnötiges Leiden und Stress ersparen, ihnen bis zum letzten Atemzug ein gutes Leben bieten. Und vor allem, dass wir als Konsumenten das Fleisch und Fell (sowie andere Tierprodukte) viel mehr wertschätzen und nicht für selbstverständlich halten – weder die Tatsache, dass wir in Zentraleuropa genug zu essen haben, noch die Tatsache, dass die Tiere für uns ihr Leben lassen.

Nicht zu übersehen ist, dass wir einen zunehmenden Trend zum Vegetarismus verzeichnen. Das freut mich. Vegetarisch und vegan sind in. Hoffentlich findet damit auch ein umfassendes Umdenken, zugunsten einer besseren Tierhaltung, statt. Natürlich gib es immer wieder Debatten darüber, ob vegetarisch gesund sei und ob Menschen auf den Fleischkonsum verzichten sollen, schließlich haben wir schon immer Fleisch gegessen. Mangelerscheinungen bei Vegetariern treffen auf säurebedingte Krankheiten bei Fleischkonsumenten. Ich denke, wer nach Gegenargumenten sucht, wird sie finden und vice versa.

Ich vernahm auch schon Stimmen, dass auch Pflanzen Schmerzen erleiden, wenn wir sie vom Strang trennen und für den Salat zurecht schnippeln. Als mich einmal der 7jährige Sohn meiner Freundin fragte, woher ich weiß, dass die Gurke keine Schmerzen empfindet, wenn ich auf sie beiße, wusste ich auch keine Antwort darauf. Ich las in manchen indischen Schriften, dass es weniger sündhaft ist Pflanzen umzubringen, da ihr Geist nicht so ausgeprägt entwickelt ist wie bei den Tieren. Ich weigere mich aber das Leben an sich als eine Sünde anzusehen. Und falls man an einen Schöpfer glaubt, der das alles erschaffen hat, wäre es nicht eher eine Sünde das Leben – also sein Werk – als Sünde anzusehen?

Ich hörte mal einen Hellsichtiger erzählten, dass wenn der Mähdrescher über die Wiese rast, er einen Riesenaufschrei über der Pflanzenwelt wahrnimmt. Er meinte aber, dass die Pflanzen damit nicht ihren Schmerz ausdrückten, sondern sich über den Schrei von ihrer physischen Gestalt besser lösen könnten.

Habt ihr schon von Menschen gehört, die von Lichtnahrung leben? Bei einem Seminar lerne ich mal einen Mann kennen, der mir damals erzählte seit über einen Jahr nur von Prana zu leben. Das fand ich damals cool und löcherte ihn mit Fragen. Wäre das die Lösung für uns Menschen, würde die Ausbeutung und die Kriege, auch die der Großkonzerne, endlich aufhören, wenn wir uns um Nahrung nicht mehr sorgen müssten? Dem Mann ist der Umstieg auf Lichtnahrung leicht gefallen, erzählte er. Allerdings ergaben sich seitdem soziale Probleme. »Wie denn das?« fragte ich. Es dreht sich in unserer Gesellschaft alles ums Essen, ums gemeinsame Essen. Seit er nicht mehr isst, finden ihn seine Freunde seltsam. Er geht z.B. abends mit seinen Kumpels ungern in ihre Stammkneipe mit, denn sie fühlen sich unwohl, wenn er nicht »solidarisch« mitisst. Auch mit Arbeitskollegen oder der eigenen Familie am Tisch zu sitzen, aber nicht gemeinsam zu speisen, empfinden die Menschen als asozial, spacig und ungemütlich. Am nächsten Tag ging er aber in der Mittagszeit zum Inder mit und aß eine Kleinigkeit mit. Ich wunderte mich, sprach ihn erstaunt und voller Zweifel an. Hat er mich verarscht? Nein, er hat sich nur ein wenig an die Gesellschaft angepasst und nimmt seit ein paar Monaten einmal die Woche feste Nahrung zu sich. Ob er das durchziehen könne, wisse er nicht. Es wäre schwerer und schmerzhafter, den Verdauungsprozess ab und zu in Gang zu setzen, als komplett auf feste Nahrung zu verzichten. Und mit fester Nahrung kämen Hunger- und Appetitgefühle wieder zurück. Allerdings fehlt ihm mit der Zeit doch das Gesellschaftliche… Ob er bei Lichtnahrung geblieben ist oder wieder zurück ins »normale« Konsumverhalten gefunden hat, das weiß ich leider nicht. An sich glaube ich schon, dass manche Menschen von Prana leben könnten, aber alle? Neeee… Zumindest noch nicht.

Also was tun, was essen, was ist richtig und was falsch? Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich die Mandeln nicht schreien hören, während ich sie mir gerade in den Rachen schiebe. Auch, wenn es der Schrei der Erlösung sein sollte. Am besten soll jeder das essen, was seinen Körper nährt und er am besten vertragen kann. Das ist am sinnvollsten. Ich glaube daran, dass unsere Seelen inkarnieren. Ich glaube daran, dass unsere DNA eine Erinnerung hat. Wenn man z.B. schon oft in Asien gelebt hat, bin ich mir sicher, dass wir manch eine Nahrungs-Vorliebe in die nächste Inkarnation mitnehmen und sich unser System daran erinnert. Mein physischer Körper liebt Gemüse und verträgt Fleisch nicht so gut, obwohl ich in Polen zur Welt kam, dem Land der großen und leidenschaftlichen Fleischesser.

Also, höre auf deinen Körper, beobachte, wie er auf verschiedene Lebensmittel reagiert und gib ihm das, was für seine Gesunderhaltung funktioniert und sinnvoll ist. Man darf alles essen, aber alles im richtigen Maß! Und mit einer Haltung der Dankbarkeit für alles was man hat, auch auf dem Teller, legt man schon genug Spiritualität an den Tag, meiner Meinung nach. Also, macht euch darüber keine Gedanken, wenn es euch schwer fällt auf Fleisch zu verzichten. Manche Menschen brauchen einfach Fleisch. In meiner Heilerausbildung lernte ich, dass »das, was aus dem Mund (und als Gedanken) raus kommt, wichtiger ist als das, was in den Mund rein kommt.« Und wisst ihr was? Mir wäre es lieber, wenn die Waffenindustrie verschwindet, die Menschen mit Freude und Dankbarkeit ihren Steak von glücklichen Rindern genießen, als dass wir in Europa auf Vegetarismus umstellen und weiter zusehen müssen, dass andere Menschen gar nichts zu essen haben. Manchmal ist einfach MENSCH SEIN spirituell genug. Fleischesser zu verurteilen, zu heilig zu sein um totes Fleisch anzufassen, alles als ätherisch unrein abzustempeln, wie ich es früher tat, empfinde ich heute als zu krass.

Kennt ihr noch den Song »I’m too sexy«? »I‘m too sexy for my car, too sexy for my love, too sexy for my shirt, too sexy for your party« etc.

Am I too holy for this world? Holy Moly. Grübel, Grübel.

Foto: © Grazyna Berger
Mehr zu Grazyna: www.grazynaberger.com

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