Von Dominas und Haussklaven

Vorab – ich bin ein Lesejunkie. Ich lese fast alles, weil ich es brauche, muss und liebe. Es ist die schnellste Art mich zu entspannen. Aber sicherlich auch eine starke Sucht. Wenn ich Lust zum Lesen habe, aber kein Buch greifbar ist – gar nicht gut. Da kann ich schon ziemlich übellaunig werden. Um ehrlich zu sein: Ich drehe fast durch. Aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei.

Denn seit einem Jahr bin ich der stolze Besitzer eines Kindle eReaders. Ich glaube, Herr Amazon hat es wirklich für mich persönlich entworfen. Perfekt. Ich liebe das Teil. Wie ich vorher ohne gelebt habe, keine Ahnung. Ich kann mir zu jeder Tages- und Nachtzeit neue Bücher runter laden, ohne auf Öffnungszeiten achten zu müssen. Und platzsparend sowieso. Dank des Kindle unlimited Abos habe ich Zugriff auf eine Menge Bücher, die ich mir kostenlos ausleihen kann. Für mich eine tolle Sache.

Vor kurzem lieh ich mir den Roman „Aller guten Männer sind drei” von Cleo Lavalle. Es geht um eine junge Frau, die ihr Geld freiberuflich mit Drehbuchschreiben für die Fernsehbranche verdient. Als sie plötzlich die Anfrage bekommt für eine ganze Doku-Produktion den devoten Mann zu porträtieren, kommt sie schön ins Schwitzen. Zum einen ist sie enttäuscht. Das Thema passt ihr nicht. Statt an Dokusoaps zu schreiben, träumt sie von anspruchsvollen Dokumentationen. Außerdem hat sie von der SM-Szene keine Ahnung. Sie nimmt den Auftrag trotzdem an, denn als Freiberuflerin ist sie auf das Geld angewiesen. Damit beginnt ihre Reise durch verschiedene SM-Clubs. Schließlich freundet sie sich mit einer Domina an. Eine rothaarige Schönheit, die vor Selbstbewusstsein strotzt. Diese genießt das Nachtleben in ausgewählten Clubs mit devoten Männern, welche nicht nur gutaussehend sondern auch äußert großzügig sind. Meistens handelt es sich um harte Business-Männer in Toppositionen. Ihrer Dominanz in der Firma überdrüssig verwandeln sie sich Abends in gefällige Sklaven. Sie spendieren Drinks, massieren der Domina die Füße. Natürlich nur, wenn sie es erlaubt. Sie sprechen die Frau stets mit Madame an. Sie selbst werden selbstverständlich geduzt und dürfen nur sprechen, wenn sie von der Herrin angesprochen werden. Während die Domina tolle Lack- und Lederklamotten trägt, die ihre Figur vorteilhaft zur Geltung bringt, müssen sich die Männer dort mit einer Unterhose und vielleicht noch einem Hundehalsband zufrieden geben. Also, das ganze Klischee halt.

Die Heldin dieses Buches wird von der Domina unter die Fittiche genommen und in das Thema herein geführt. Im Laufe der Geschichte überwindet die zunächst zurückhaltende, schüchterne Frau ihre Hemmungen und wird Mitglied in einem SM Forum. Dort hofft sie mit devoten Männer in Kontakt zu treten. Sie macht ihre ersten Erfahrungen mit Haussklaven und kommt auf den Geschmack. Ganz langsam erlebt der Leser ihre Metamorphose. Sie lernt ihre Wünsche auszusprechen, wird sicherer in ihrem Auftreten, mutiger, schlicht, ihre ganze Aura verwandelt sich auf magische Weise. Sie findet devote Männer, die ihr die Wohnung putzen, neue Reifen fürs Auto kaufen und aufziehen, die sie in die angesagten In-Lokale ausführen, und damit super glücklich sind. Ohne Sex. Ohne etwas zu verlangen.

Nun, ich möchte das Buch nicht rezensieren. Es erinnert mich an „50 shades of grey“. Ist aber stilistisch besser geschrieben. Ähnlich ist, dass das Thema SM so romantisch, ästhetisch beschrieben wird. Demütige Sklaven mit gute Manieren und viel Geld warten sehnsüchtig darauf eine Herrin zu finden um ihr zu dienen.

Also, ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich würde mir so einen Haussklaven wünschen. Ich meine, hey, warum soll ich selber die Wohnung putzen, wenn ein anderer darauf brennt? So hätte ich z. B. mehr Zeit zum Bloggen. Lack- oder Leder, schwarze High Heels wären schon mal vorhanden. In eine Peitsche würde ich voller Hoffnung und ohne zu zögern investieren. In meinem Schrank findet sich vielleicht nicht unbedingt eine Profikluft, aber sicherlich etwas brauchbares, das ich tragen könnte, während mein Sklave sich um die Wohnung kümmert. Dass er mir zum Abschied statt in die Augen zu schauen lieber die Schuhe küsst oder sauber leckt, finde ich voll ok, schließlich liebe ich sie auch.

Während ich das Buch las, fragte ich mich, ob es diese Männer wirklich gibt. Ja, das ist vielleicht naiv, werdet ihr denken. Aber ich war schon immer ein braves Mädchen. Wenn ich heute den Erzählungen meiner Freunde lausche, was sie früher alles erlebt haben, erschrecke ich über mein „biederes“ Leben. Sie kifften, hatten Sex zu dritt oder mit Leuten, die sie nie vorher und nie nachher gesehen haben, sind mit 19 fast ohne Geld durch Australien per Anhalter gereist, schliefen dort bei wildfremden Menschen. Sie sprangen aus einer Laune heraus Bungee, einfach so, weil es geil war, wie sie sagten.

Lasst uns an dieser Stelle nicht darüber urteilen, ob es toll, notwendig oder totaler Schwachsinn war. Versteht mich nicht falsch. Ich weine keiner Sexorgie nach, auch nicht dem Drogenkonsum. Es war nicht so, dass ich aus Angst, Schüchternheit oder aufgrund falscher Moral auf diese Dinge verzichtet habe. Ich spürte einfach nie das Bedürfnis danach. Und trotzdem frage ich mich ab und an, ob ich hätte mehr erleben sollen. Ob ich freier, weniger ängstlich durchs Leben gegangen wäre, hätte ich manche Dinge, die man wahrscheinlich nur mit 20 machen kann, auch tatsächlich erlebt? Hätte ich, um solch’ Erfahrungen reicher, später mehr gewagt, im Beruf und privat? Wäre alles leichter gewesen? Wäre ich heute „weiter“, offener, erfolgreicher, selbstbewusster? Mein Mann sagt nein. Er liebt mich so wie ich bin, weil ich eben so bin, wie ich bin. Es ist ja auch nicht so, dass ich verklemmt oder unsicher wäre. Ich wage zu behaupten, dass ich inzwischen über ein gutes Selbstwertgefühl verfüge. Ich weiß meistens, was ich will und kann es kommunizieren bzw. selbständig angehen. Die Frage ist, hätte ich das alles nicht schon viel eher haben können? Viele Fragen und lauter Konjunktive…

Wie auch immer. Ich glaube sicherlich nicht daran, dass ich alleine aufgrund von mehr Sex oder durchs Kiffen, schneller selbstbewusster geworden wäre. Das nicht. Aber ich bewundere die simple Eigenschaft von Menschen, sich dem Leben hinzugeben. Sich einfach mit Freunden oder Fremden einen Joint reinziehen, danach Sex mit irgendjemanden, der gerade da ist. Für mich unvorstellbar. Zum einen habe ich eine angeboren Abneigung gegen Drogen. Ich rieche es, wenn andere gekifft haben aus hundert Metern Entfernung. Mein Magen dreht sich um und mir wird schlecht. (Vielleicht sollte ich mich, wenn es mit dem Blog hier nichts wird, als Polizeihund bewerben?) Zum anderen geht es mir, wenn ich ganz ehrlich bin, viel mehr um den Verlust der Kontrolle und die damit verbundenen Ängste. Ich glaube, das ist es was unterschwellig eine große Rolle gespielt hat.

Ich hatte in meinen jungen Jahren eine Freundin, die sexuell sehr aktiv war. Sind wir zusammen auf eine Party gegangen, verschwand sie plötzlich mir nichts, dir nichts mit irgendeinem Typ im Bad. Dabei war sie, nebenbei angemerkt, in einem anderen unsterblich verliebt. Halbe Stunde später kam sie mit roten Bäckchen und flackernden Augen heraus. Und genoss den Abend als wäre nicht passiert. Den Typ hat sie nicht weiter beachtet. So oder ähnlich wiederholte es sich immer wieder. Sie kannte hinterher oft nicht mal ihre Vornamen. Ich fragte sie »Wie kannst du das bloß? Du kennst ihn gar nicht. Du weißt nicht, wann er das letzte Mal seine Zähne geputzt oder seine Unterhose gewechselt hat. Von seinen Kronjuwelen ganz abgesehen«. Sie guckte mich an als wäre ich von Mars. So kam ich mir auch immer vor. Den mit der Venus war ich damals allem Anschein nach nicht wirklich verbunden.

Aber ich schweife ab. Was eindeutig ist, dass ich auf manchem Gebiet eher weniger auf dem Kerbholz zu verzeichnen habe. Also, dachte ich mir, dass ich der Sache mit devoten Sklaven nachgehen möchte. Vielleicht gibt es da draußen einen gepflegten Akademiker mit guten Manieren und Niveau, der meine Wohnung putzen möchte – und ich weiß nichts davon. Wäre doch schade. Was mein Mann dazu sagen würde? Keine Ahnung. Erst wollte ich recherchieren. Ich holte meinen Kindle raus und suchte in Ratgebern und Biografien nach Dominas. Prompt fand ich das Buch „Sklavenpack. Eine Domina erzählt” von Pat McCraw. Volltreffer! Sie erleuchtete definitiv meine Bildungslücke. Das Buch ist, wie sie auch selber schreibt, nichts für zarte Gemüter. Es führte mich, sehr authentisch und ehrlich geschrieben, in die reelle Domina-Welt. An dieser Stelle, ein großes Dankeschön an Frau McCraw. Ihr Buch hat mir in manch einer Hinsicht die Augen geöffnet. Sie beschreibt darin wie man einen geeigneten Sub findet, und was frau mit ihm alles anstellt. Puh! Ein harter Knochenjob, sage ich euch, nichts davon ähnelt dem romantischen Plot des vorherigen Buchs. Bei ihr geht es um Zofenerziehung, Natursekt, Klinik- und Babyspiele, wie man sich ein geeignetes Studio aufbaut und um echte Exoten aus der Szene. Auch sie musste erst mal lernen wie man die Peitsche richtig schwingt. Nein, so einfach ist das nicht, dass alle Striemen beisammen bleiben und die richtige Stelle gebündelt treffen, lernte ich. Frau McCraw setzte sich in ihrem Buch auch mit der Frage auseinander, ob Geschlechtsverkehr mit einem Sklaven in die Session rein gehört und ob eine Domina für die Befriedigung ihres Sklaven überhaupt verantwortlich ist. Wie ich im Buch las, sind die männlichen Tops durchaus einstimmig fürs Beglücken ihrer Sklavinnen. Die dominante Madame entscheidet nach Lust und Laune. Auch hier wird unterschieden, eine Herrin, die sich von ihrem Sklaven anfassen lässt, wird Bizarrlady genannt. Ich dachte, dass Sex immer dazu gehört, also wieder dazu gelernt.

Frau McCraw als Domina fühlt sich nicht verpflichtet ihren Sklaven zu erleichtern. Wohl aber für sein physisches Intaktbleiben. Das ist eine große Verantwortung, die ein fundiertes medizinisches Wissen über den Körper voraussetzt. Du sollst deinen Sklaven schließlich ordentlich verdreschen, aber nicht umbringen.

Abschließend erlaube ich mir einen Satz aus ihrem Buch zu zitieren:

„Wer zum Dienen kommt, ist MEIN Spielzeug und es geht, ganz egoistisch, um mein Vergnügen – wie auch immer das geartet sein mag.”

Ob der Untergebene sich hinterher in Gedanken an die Session selbst befriedigt ist einer Domina ziemlich schnuppe.

Aber zum Wichtigsten: das Thema „Dienen“ ließ mich nicht los. Ich las und las über ausgefeilte Behandlungsmethoden, wie man einem Kerl einen Katheter legt oder eine Blasenspülung verpasst und stundenlang das Urinieren verbietet, dabei brannte ich darauf zu erfahren, ob jemals ein Sklave ihre Wohnung geputzt hat. Endlich ging sie auf das Thema ein. Findet eine Domina im Forum einen Mann, der ihr tabulos dienen möchte, schrillen bei ihr alle Alarmglocken. Denn mit „Dienen“ meint der Mann »mit seinem besten Stück zu dienen« und nicht den Wohnungsputz. Die Tabulosigkeit bezieht sich auf ein mehr stündiges, lustvolles Spiel mit seinem Liebesbolzen, nicht auf den Korb Bügelwäsche neben ihm.

Die Spezies „Haussklave“, der dir den Haushalt schmeißt, den gibt es zwar, ist aber äußerst selten und nur mit Vorsicht zu genießen. Du kannst darauf Gift nehmen, findest du einen Willigen, wird deine Wohnung hinterher ähnlich wie im Film „The day after“ ausschauen. Überschwemmung und massenweise verbrannte Wäsche sind die Folge davon. Selbst um die Zehennägel zu lackieren sind die meisten nicht geeignet. Trotz im Mundwinkel eingeklemmter Zunge und angehaltenem Atem fällt die Trefferquote den Nagels zu erwischen recht gering aus. Ich frage mich, ob sie dafür zu dumm sind oder so schlau. Schließlich habe ich neulich auf Youtube ein Video gesehen in dem ein Mann aus einen Baumstamm mit der Säge Waschbären auf einem Baum mit allen Details hervorzauberte und hinterher die Tiere super realistisch angemalt hat. Also, zu dumm zum Nägel lackieren, kann das stimmen? Ich weiß nicht… Das ist der einzige Punkt im Buch, Frau McCraw, den ich anzweifle. Auch verfügen die meisten Sklaven nicht über einen Waschbrettbauch, Knackarsch und ein dickes Konto wie sonst in Literatur oder TV gepriesen wird. Es bewegt sich alles mehr um die Gruppe 60+ samt Bierbauch und/oder Glatze, wie ich erfuhr.

Ja, ich war ziemlich enttäuscht, als ich das alles las. Also, aus der Traum von einem Haussklaven. Immerhin lernte ich zu unterscheiden zwischen einem Masochisten und einem devoten Mann. Der erste will keine Befehle empfangen und steht nicht zu ihren Diensten. Er möchte schlicht und einfach mit diversen Schlagwerkzeugen bearbeitet werden. Dazu braucht die Domina eine gute Kondition und starke Arme, wie ich erfuhr (den Job kann ich also vergessen). Die devoten Männer sind selten und scheinen für meine Zwecke nicht geeignet zu sein. Wenn die Wohnung geputzt wird, dann natürlich nach dem schweizerischen Standard, ergo muss ich wieder selber ran… Also, Schluss mit Bloggen, ran an den Staubsauger. Der ist definitiv devot und folgt mir auf Schritt und Tritt, wenn ich ihn führe. Immerhin. Mein Selbstbewusstsein wächst. Vielleicht ziehe ich mein rotes Mini-Kleid dazu an, mein Mann würde es mögen!

P.S. Und wisst ihr was, Jahre später habe ich meine sexfreudige Freundin gefragt, wie das so ist mit so vielen Männer zu schlafen und ständig von einem Orgasmus zum nächsten zu schweben. Sie schaute mich erstaunt und mit gerunzelter Stirn an und sagte »Das habe ich doch nur getan, weil ich nie einen hatte«. Ufff, und ich dachte, ich hätte was verpasst.

Foto: Richard Semik/shutterstock.com
Mehr zu Grazyna: www.grazynaberger.com

 

2 Gedanken zu “Von Dominas und Haussklaven

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