Silvester 2015

Es krachte und knallte wieder. Zum Glück nur draußen. Aber was heißt zum Glück?

Für die Tiere ist das immer wieder eine Qual. Erste Whatsapps von Freunden mit Haustieren kamen bereits, über ihre verängstigten Haustiere klagend, an. Auch mir entging heute nach dem Aufstehen die seltsame Ruhe nicht. Kein Vogelgezwitscher, wie sonst jeden Morgen.

Dank des super sanften Winters sind viele Vögel geblieben und begrüßen mich jeden Morgen mit ihren Gesang. Nur heute nicht. Es fehlte mir. Es ist komisch, wie schnell man sich an die einfachsten Dinge gewöhnt, ohne sich darüber bewusst zu sein. Und trotzdem genoss ich gestern den tollen Rundumblick über das Luzerner Umland auf dem Balkon meiner Freundin, während die Schweiz ihre Feuerwerke präsentierte. Ich liebe diese Lichtspektakel am Firmament. Genauso stelle ich mir den Vorgang der Heilung vor (ich arbeite als healing coach) während der energetischen Behandlung. Der Mensch steht in einer elektrisch glitzernden Sphäre, deren Licht, Farbe und Schwingung den Heilungsprozess in Gang setzen. Auf das Geballere könnte ich aber ruhig verzichten. Dankend nahm ich zur Kenntnis, dass meine Freunde auf eigene Böller verzichteten. So schön der Anblick am Himmel ist, so sinnlos erscheinen mir hinterher die Millionen, die Menschen jährlich dafür ausgeben. Es ist schon pervers, welche Unsummen wir jedes Jahr für diese paar Minuten ausgeben im Angesicht des Hungers auf der Welt. Es muss natürlich jeder selbst entscheiden, was er dafür ausgeben möchte. Schließlich wollen China und Taiwan auch ihren Umsatz machen und die Arbeitsplätze sichern. Ich persönlich kaufe keine Feuerwerke, aber genieße gerne den Anblick. Jedoch gäbe es keine, würde ich sie vermissen? Wahrscheinlich nicht wirklich. Oder wir würden uns sehr schnell auch daran gewöhnen, glaube ich. Es ist so ähnlich, wie mit meinen polnischen Weihnachten.

Gewohnheit ist alles

Bevor ich zu meinem Mann in die Schweiz umgesiedelt bin und noch in München wohnte, feierte ich Weihnachten immer mit meiner Mama und Omi zusammen. Da wir aus Polen stammen, waren die polnischen Speisen über die Weihnachtstage Tradition. Und davon jede Menge. Meine Mama und Oma kochten und buken tagelang dafür. Da es immer so viel Arbeit bedeutete, schlug ich mal vor Weihnachten auf alles „Polnische“ zu verzichten. Schließlich aßen wir auch sonst gerne international und selten polnisch. Aber das kam für die beiden nicht infrage. Ich habe mir die letzten Jahre zu Weihnachten lieber indisch gekocht, zum einen weil vegetarisch, zum anderen, weil mir die polnische Küche zu schwer ist. Ich dachte, wie schön wären Weihnachten ohne den ganzen Kochstress, einfach mit kleinen indischen Köstlichkeiten.

Und jetzt? Die ersten Weihnachten in der Schweiz in geselliger Fondue-Chinoise-Runde, ohne meine polnische Sippschaft, war dann doch seltsam. Aber ich dachte, egal, Morgen fahre ich wieder zurück nach München und ich wusste, meine Mama wartet sehnsüchtig mit voll gestelltem Tisch auf mich. Auch wenn ich meiner Mama zuvor drohte, sie soll nichts Polnisches kochen, weil ich es eh’ nicht essen würde, musste ich mir im Stillen eingestehen, dass ich mich darauf freute. Na ja, ich hielt es für selbstverständlich, dass ich bei Mama oder Oma immer wieder von leckeren polnischen Sachen naschen konnte, die ich bis dahin nie selber gekocht habe. Aber sie waren auf magische Weise immer reichlich vorhanden. Ich selbst kenne unsere polnischen Geheim-Rezepte leider nicht, es kam mir gar nicht in den Sinn danach zu fragen, weil ich davon ausging, dass es immer so weiter geht.

Vor mehr als einen Jahr hat meine Mama ganz plötzlich diese Welt verlassen. 2014 war das erste Mal, dass ich Weihnachten ohne sie, bzw. ihre physische Präsenz verbrachte. Mein Mann und ich entschlossen uns bewusst unseren Urlaub auf diese Zeit zu legen und flogen nach Ägypten. Ich wollte der familiären Atmosphäre entfliehen. Nicht weil mich die Familie meines Mannes nicht liebevoll in ihr Herz und am Weihnachtstisch aufgenommen hätte, sondern weil der Verlust um meinen Mama zu sehr schmerzte. Ich wollte Weihnachten einfach vermeiden. Der Urlaub war dafür perfekt. Die Sonne, der Strand – als Kulisse so ungewöhnlich, dass man den Trubel und Hype rund um Weihnachten sofort vergaß. Zwar dekorierte das Hotel am 24ten die öffentlichen Räumlichkeiten weihnachtlich, aber es wirkte dort eher fehl am Platz. So ähnlich wie das Home Staging, wenn man eine Immobilie verkaufen will. Alles sieht schön, aber nicht wirklich bewohnt aus. So ähnlich ging es mir mit der Deko dort. Eine echte Weihnachtsstimmung kam nicht wirkliche auf und das war auch gut so. Ich wollte nicht erinnert werden.

Das Galadinner am 24ten war pompös. Gefühlte 1000 Meter Büfett mit kalter und warmer Küche, man wusste gar nicht wo und mit was anfangen. Aber Aufgrund des eh’ schon reichen und exquisiten kulinarischen Angebots, das dort zum täglichen Standard gehörte, ragte der Abend für uns nicht besonders hervor. Und so merkte ich, dass wenn ich die Erwartungen fallen lasse, wie es über Weihnachten zu sein hat, und der Druck wegfällt, dass Familie zu Besuch kommt und man schon immer so und so gefeiert hat, dann hat es mir an nichts gemangelt. Wenn man aber zu Hause von dem kollektiven Weihnachtswahn erfasst wird, schwimmt man sozusagen wie automatisch mit drin. Trotzdem, denke ich, Silvester ohne Rumgeballer und Feuerwerke wäre zum ersten mal sicherlich gespenstisch, aber beim nächsten Mal kein Verlust, dem man nachtrauert.

Aber vielleicht wäre Silvester ohne Feuerwerke nur für Frauen einfacher. Schließlich sind es wir, die um zwölf Uhr in ausgeschnittenem Hauch von einem Kleid und auf sommerlich leichten High Geels 30, 40 Minuten draußen in der Kälte ausharren müssen, während die Männer ihre Böller zur Schau stellen. Welche Frau möchte schon in so einem Augenblick weniger leuchtend und strahlend ausschauen und in Moonboots und dicker Winterjacke sich vom Himmelsgewölbe die Schau stehlen lassen? Dann lieber frieren. Oder? Na ja, zumindest meistens ist das so, scheint mir. Also, kein Silvester-Feuerwerk hieße für uns Ladies auch nicht mehr rausgehen zu müssen. Wie ihr seht, wer es sucht, der findet Gutes in jeder Situation. Es lebe das positive Denken!

Es ist gar nicht so einfach sinnvoll zu spenden

Und stellt euch nur vor, was wir alles für unsere Erde bewirken könnten, würden wir die Gelder, die wir für die Feuerwerke ausgeben, zugunsten der Menschheit spenden oder anlegen. Das ist immer ein Gedanke, der durch meinen Kopf huscht, während ich mich an dem Schauspiel erfreue. Warum ist manches im Leben nur so verzwickt ambivalent? Andererseits ist es gar nicht so einfach sinnvoll zu spenden. Ganz abgesehen von Institutionen, deren Verwaltungsapparat die meisten Spendengelder verzehrt, habe ich aus erster Hand von zwei tollen Projekten gehört, die leider auch nicht so toll gelaufen sind.

Eine Bekannte erzählte mir einst wie sie mit anderen ein landwirtschaftliches Riesenprojekt für Afrika startete. Aus ihrer Liebe zu Afrika entwuchs irgendwann der Wunsch „etwas“ zurück geben zu wollen. Sie nahmen sich vor, den Menschen in einem bestimmten Dorf zu helfen ihr Land zu bewirtschaften. Sie sammelten privat Gelder, kauften beste Landmaschinen und verfrachteten diese auf eigene Kosten nach Afrika. Dann reisten sie mit sachkundigen Gleichgesinnten selbst an, stellten alles auf, kümmerten sich um eine passende Aussaat und genügend Benzinvorräte, zeigten den Menschen wie sie das Land am besten bewirtschaften könnten. Großartig, oder? Nun ja, ein paar Monate später ist aus dem Traum null und nichts geworden. Zufolge politischer und wirtschaftlicher Sanktionen gab es kein Benzin mehr. Die Maschinen standen verlassen wie Mammutskelette nach der Eiszeit in der Gegend rum und rosteten vor sich hin. Das Land lag brach wie eh und je. Die Menschen blieben hungrig… Es ist gar nicht so einfach die Welt zu retten.

Eine andere Freundin von mir verbrachte ihre Zeit in Nepal, als die großen Erdbeben das Land in April 2015 erschütterten. Sie erlebte dort hautnah dessen Zerstörung, den Tod, die Nachbeben samt der großen Angst und Verzweiflung in der Bevölkerung. Zurück in der Schweiz mobilisierte sie innerhalb kürzester Zeit eine kleine Truppe Freiwilliger, darunter auch Architekten. Sie entwarfen Pläne, wie man in einem Gebiet, das meine Freundin ganz besonders ins Herz geschlossen hat, erdbebensichere Häuser bauen könnte, als Ersatz für die gefallenen. Auch sie sammelten Gelder und die Schweizer erwiesen sich hier äußerst spendabel, sodass man bald mit dem Bau von knapp 40 Häusern anfangen konnte – natürlich nach schweizerischem Standard. Der Plan war diese innerhalb eines Jahres aufzustellen. Ein kühner Plan, aber wer, wenn nicht die Schweizer, könnte es sonst bewerkstelligen? Es gab Volontäre, die ihren Urlaub dafür hergaben nach Nepal auf eigene Kosten zu fliegen um beim Bau mitzuhelfen. Man war bemüht so wenig Geld wie nur möglich für fremde Dienstleistungen auszugeben, damit alles in das Projekt rein fließen könne. Die Dorfbewohner sollten nicht nur mithelfen, sondern wurden gleichzeitig in das Wesen erdbebensicheren Bauens eingeführt. Mit Lego-Bausteinen wurde veranschaulicht, worauf es dabei ankommt, die seismischen Bänder und die Eck-Verstärkungen wurden plastisch erklärt. Also, wenn der Schweizer was in die Hand nimmt, dann hat es wirklich Hand und Fuss. Großes Kompliment! Kann man dabei einen Schweizer stoppen? Kaum, außer…

…Nun ja, auch hier kam es aufgrund eines Verfassungsstreits mit Indien zu dramatischen Engpässen. Benzin und Baumaterial wurde knapp, das Projekt kam fast zum Erliegen. Aber nicht nur das, auch die Dorfbevölkerung war so mit dem Projekt nicht ganz glücklich. Die große Baustelle bedeutete für sie eine sichere Arbeitsstelle und Verdienstmöglichkeit. Zusammen mit der gesamten Dorfgemeinschaft wurde bald eine Küche aufgestellt. Die dort arbeitenden Menschen werden täglich mit Essen versorgt, was in solchen Ländern keine Selbstverständlichkeit ist. Im Laufe der Zeit wurden leise Stimmen lauter, dass die Europäer ihnen „unnötig“ die Arbeit weg nehmen. Und, ich denke, dass es in ihrem Sinne ist, sollte die Baustelle sie länger als „nur“ ein Jahr ernähren. Das ist für sie in erster Linie wahrscheinlich wichtiger, als ein erdbebensicheres Haus in kürzester Zeit.

Wie gesagt, es ist gar nicht so einfach, trotz bester Vorsätze und viel Herzblut, die Welt zu retten. Die engagierte Bautruppe hat natürlich nicht aufgegeben, sie bleibt dran. Muss aber lernen, dass manches eben länger dauert, als man es von zu Hause gewöhnt ist. Andere Länder, andere Sitten.

Andere Länder, andere Sitten

À propos, andere Sitten. Auch dieses Silvester war ganz anders, als ich sonst diese Nächte gefeiert hatte. Die letzten Jahre, bevor ich meinen  Mann kennenlernte, verbrachte ich mit meinen Freunden, die alle Heiler sind. Es lag nahe, dass wir das neue Jahr in der Meditation begrüßten und erst hinterher eher ruhig und besinnlich feierten. Diesen Silvester verbrachten wir mit dem besten Freund meines Mannes bei seiner Freundin, zusammen mit seinen 2 Schwestern samt Mann. Wir wurden königlich bekocht, und ja, es gab genug Vegetarisches für mich. Und zum Schluss durfte ich sogar einige Speisen, Knöpfli und Blaukraut, mit nach Hausen nehmen. Meine Freundin hat so viel gekocht, dass ich heute davon verschont bleibe und in aller Ruhe an diesem Blog schreiben kann. Danke, Irml! Es war wieder mal köstlich. Sie rettete sogar noch ein paar ihrer selbstgebackenen leckeren Weihnachts-Kekse, Guetzlis, wie sie hier heißen, die ich und mein Mann dankbar und schnell in unserem Schlund verschwinden ließen.

So weit, so gut. Nun zu den anderen Sitten, unsere gestrige Runde verfügt über eine überdurchschnittlich musikalische Ader. So wurde das MacBook schnell an den Verstärker samt Mikro angeschlossen. Karaoke war angesagt. Hilfe! Ich kann überhaupt nicht singen und leider auch nicht tanzen. Und bis jetzt dachte ich eigentlich, Karaoke bedeutet, dass einer, der natürlich nicht singen kann, das Mikro in die Hand nimmt und sich vor allen anderen lächerlich macht. Aber, weit gefehlt, sie konnten alle verdammt gut singen. Zum Glück waren sie so begierig auf das Mikro – und es sangen sowieso alle mit – dass mir diese peinlichen Momente erspart blieben. Ufff. Schwieriger war es für mich mit der Songwahl. Der Abend stand unter dem Motto „Schlager“. Also, wenn mir etwas gegen den Strich geht, dann sind es Schlager. Horror, brrr, Schüttel, aber mit guten Freunden in guter Stimmung hat es selbst mir Spaß gemacht, und ich sang falsch aber freudig mit. Schließlich öffnet Singen das Halschakra, dachte ich mir, also kann es nicht schaden. Nur bei einem Lied habe ich rebelliert und blieb zum Glück, unter leisem Murren und »Schade« Ausrufen von „Atemlos“ von Helena Fischer verschont. Ich danke euch, ihr seid wahre Freunde! Nicht, dass Frau Fischer nicht singen könnte. Ich gehöre auch nicht den Verächtern an, die meinen Schlagersänger könnten gar nicht singen. Ich habe schon einmal versucht „Atemlos“ mitzusingen, keine Chance. Zu hoch und so schnell konnte ich gar nicht atmen, geschweige denn an passender Stelle mit dem Text anfangen (ohne die Vokalstimme). Ich kann bei diesem Lied keinen einzigen Ton treffen, aber versucht es mal selber! Das Schlimme bei diesem Lied ist, es bleibt so penetrant und tagelang in meinem Kopf hängen, und das ist gar nicht gut! Gar nicht gut. Brrr…

Alles in allem haben wir gestern viel gelacht und hatten unseren Spaß. Ich beneidete die Paare um ihre musikalischen und tänzerischen Einlagen, lies mich von meinen Mann trotzdem durch den Raum zu heimatlichen (aber nicht meinen, gell?!) Tönen herumwirbeln und genoss unbeschwert den Abend. Ist auch nicht schwierig an Seite eines Mannes, den ich über alles liebe, und mit Menschen, die einfach tolle Freunde sind.

Ich weiß nicht, wie ihr das haltet, ich mache mir am Silvester keine Vorsätze fürs neue Jahr, hege keine speziellen Wünsche, nur weil ein neues Jahr beginnt, außer dem Wunsch, wir könnten unsere Güter, die so reichlich vorhanden sind, besser umverteilen. Wie es passieren könnte weiß ich nicht, aber ich glaube daran. Ich weiß noch, dass ich nachdem ich das erste Mal in Indien war, zurück in München eine Zeit lang versuchte weniger Wasser zum kochen oder für die tägliche Pflege zu verbrauchen. Letzten Endes musste ich einsehen, dass mein Bemühen nicht wirklich für Indien etwas bewirkte. So hoffe ich von Herzen, dass bald ein Umdenken stattfindet, und wir neue, bessere Ideen wie wir gemeinsam die Welt ein Stück schöner, besser, reicher machen könnten, leichter umsetzen können. In diesem Sinne wünsche ich allen Menschen dieser Erde ein gesegnetes und glückliches Neues Jahr voller Wunder! Ich glaube an die Erde und an die Menschen. Trotz allem was gerade passiert.

Foto: © Grazyna Berger
Mehr zu Grazyna: www.grazynaberger.com

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