Das Tor zu meinem Herzen oder: Wie ich meinen Mann fand

Grażka sucht einen Mann

Immer wieder werde ich gefragt, wie mein Mann und ich uns kennenlernten. Hier unsere Geschichte.

Ich weiß es noch wie heute. Ich fahre auf der Autobahn. Es ist Donnerstag, 23 Uhr und ich brauche noch ca. 45 Min bis ich zu Hause bin. Kein Auto weit und breit. Ich bin ganz allein mit meinen Gedanken. Ich reflektiere…

…Es war ein langer Tag. Erst die Arbeit in der Werbeagentur. Um 16 Uhr mache ich Schluss, springe ins Auto und fahre an die nächste Tankstelle. Schnell getankt, eine Semmel für unterwegs gekauft und schon machte ich mich auf den Weg in ein kleines Dörfchen in Bayern auf, ca. 2 Stunden Fahrt. Um 19:30 Uhr halte ich dort einen Vortrag über energetische Heilweisen. Während ich fahre, versuche ich meinen Geist von all den Grafikjobs des heutigen Tages zu leeren. Nebenbei mampfe ich an meinem Brötchen. Ich gehe kurz die Inhalte durch über die ich heute sprechen möchte. Ok, alles noch im Kopf. Dank meines Navis komme ich an ohne umherzuirren. Ein netter Raum in einem alten Gebäude, das für Vorträge und Seminare genutzt werden kann. Die Raummiete ist winzig, dafür muss ich die Stühle selber aufstellen und hinterher wieder aufräumen, aber das ist schnell getan. Ich erwarte keinen großen Ansturm. Ich stelle die mitgebrachten Blumen auf, reinige den Raum energetisch, sammle mich kurz. Noch ist alles still und niemand da. Wird überhaupt jemand kommen? 2 Minuten vor Beginn kommen tatsächlich ein paar Interessierte. Nicht mehr als eine Handvoll, also ziemlich überschaubar. So sitzen alle in der ersten und zweiten Reihe und lächeln mich an. Es ist eine wundervolle Energie, die im Raum spürbar ist. Ich spreche über die Prana-Heilung. Unter meinen Kollegen in der Werbeagentur weißt fast niemand, dass ich nebenbei noch eine weitere Tätigkeit ausübe. Zu dem Zeitpunkt bin ich autorisierte Prana-Lehrerin, arbeite seit Jahren als Heilerin. Ich bin mit meinem ganzen Herzblut dabei. Seit ich Mitte 20 bin, ließ ich mich in verschiedenen energetischen Heilmethoden ausbilden. Neben meinem selbständigen Vollzeitjob als Grafikerin, halte ich Vorträge, Wochenendseminare, gebe abends Heilsessions, veranstalte Meditationstreffen und biete Übungsabende an. Es erfüllt mich mit Freude und ganz viel Stolz. Während ich heute beim Vortrag zu den Menschen spreche, verliere ich meinen roten Faden. Ich stehe da und der Text ist weg. Eine Stille entsteht, die anderen sind ganz entspannt, lächeln weiter, also entspanne ich mich auch. Mein Blackout will nicht weichen. Ich sage es ihnen (ist wirklich ein Horror für einen Vortragenden), aber sie lächeln mich noch mehr an und sagen »Egal, wir haben eh’ ein paar Fragen an Sie«. Uff, nach den Fragen fällt mir mein Text wieder ein. Ich hole später einen der Teilnehmer zu mir nach vorne und demonstriere die Technik der Prana-Heilung. Die Frau, an der ich „rumpranere“ wie wir sagen, ist begeistert. Als ich fertig bin, möchte sie vorne bei mir bleiben. Ob sie denn darf? Sie fühlt sich gerade so großartig inmitten meiner Aura. »Na, klar« antworte ich. Ich bin überglücklich.

Der Vortrag dauert 2 Stunden, ist aber in der schönen Energie wie im Nu fertig. Ich räume kurz auf, sammle mein Zeug, werfe den Schlüssel dem Eigentümer in den Briefkasten zurück und ab ins Auto. Im Wagen lasse ich den Abend Revue passieren. Mein Herz strahlt. Die Energiearbeit ist mein ganzer Lebensinhalt. Die Arbeit erfüllt mich, macht meine Seele glücklich. Es füllt aber auch meinen Tag komplett aus, sodass für anderes keine Zeit übrig bleibt. Meine Freunde sehe ich kaum noch. Kein Privatleben mehr, kein Mann an meiner Seite.

Also, ich fahre zurück und denke an den Vortrag, an die lieben Menschen, die da waren, an die starke Energie, die mich und die anderen mitriss. Wie dankbar ich bin, die Menschen so begeistert zu haben und wie viel Spaß es mir immer bereitet. Ich falle in eine Trance. Mein Geist entspannt sich immer tiefer. Das war schon immer so, wenn ich alleine Auto fahre und mein Alltagsbewusstsein mit dem Lenkrad und der Kupplung beschäftigt sind, kann mein Geist weit fliegen.

Während ich also über den Vortrag nachsinne und in der herrlichsten Glückseligkeit schwebe, höre ich eine Stimme in mir. »War das jetzt alles?« »Wie jetzt, war das alles? Es war super schön. Ja, ich bin glücklich.« »Wirklich?« »Klar« »Du fährst jetzt noch eine halbe Stunde Auto, dann fällst du müde ins Bett, hast gerade 5 Stunden Schlaf vor dir, und dann ab in die Arbeit. Ist das alles?« »Hhhhmmmm« »Du hast ja nicht mal jemanden, dem du von diesem Vortrag erzählen könntest. Niemanden, der sich mit dir freut. Niemand, der dich in den Arm nimmt und sagt ‚das hast du toll gemacht‘.« »Hmm. Ja, das schon, aber…« Je weiter ich darüber nachgrüble, desto trauriger und müder fühle ich mich plötzlich. Dicke Tränen kullern über mein Gesicht. Wer fährt? Keine Ahnung. Ich nicht. Ich komme trotzdem gut an, falle ins Bett. Am nächsten Tag sitze ich wieder als normal sterbliche Grafikerin vor meinem Mac. Ich bin nachdenklich, spreche den ganzen Tag mit niemanden und bin froh, als der Arbeitstag fertig ist. Zu Hause stürze ich mich ins Putzvergnügen, bloß nicht nachdenken. Doch die Lawine lässt sich nicht mehr stoppen. Meine Gedanken kreisen nur noch um das eine Thema. Ich war die letzten Jahre eine glückliche Singlefrau. Die Energiearbeit war wohl mein Ersatz dafür. Ich hatte an einer Beziehung kein Interesse. Es gab in dieser Zeit zwei Männer, die mir näher kamen. Aber dabei blieb es auch. Nach einer kurzen Kennenlernphase haben sich beide wieder zurück gezogen. Es tat schon weh, aber wirklich unglücklich war ich nicht. Es war mehr das verletzte Ego. Im Grunde wollte ich keine Verbindung eingehen, ich war weder offen noch bereit. Nach dem Sex fragte ich mich »Was war das eigentlich?« Es kam mir nicht lustvoll, sondern eher wie eine sportliche Aktivität vor, die ich zu leisten hatte. Irgendwie habe ich mich so sehr zurück gezogen, dass ich dabei nichts mehr fühlen konnte. Mich nicht mehr spüren konnte.

So fand ich mich an diesem Abend in einer blitzblanken Wohnung auf meinem Medikissen wieder und war verwirrt. Ich dachte über mein Leben nach. Ich ging auf die 40 zu. Ich jobbte in einer Werbeagentur, was ein gutes Einkommen generierte. Es war eintönig, aber die Leute dort waren Klasse. Ich habe selten eine Werbeagentur erlebt, die so gute Leute beisammen hatte, menschlich und arbeitstechnisch. Schade, dass unser junger Chef es damals nicht zu schätzen wusste. Daneben hatte ich eigene Kundenaufträge, bei denen ich mich kreativ ausleben durfte. Geldprobleme kannte ich keine. Meine ganzen Kurse und Ausbildungen im energetischen Heilbereich machten mich glücklich.

Die Energiearbeit war und ist für mein Seelenheil wichtig. Trotzdem, um es voll auszuleben, habe ich komplett auf mein Privatleben verzichtet. Ich sah meine Freunde nicht mehr. Ich stahl mir immer wieder ein bisschen Zeit um sie mit meiner Mama oder Oma zu verbringen. Viel zu selten. Das schlechte Gewissen ihnen gegenüber nagte an mir. Heute wünschte ich, ich hätte ihnen mehr Zeit gewidmet. Ich sah meine kleine Familie viel zu selten. Aber es gab immer so viel zu tun, mein Job, die Energie- und Vereinsarbeit, zum Wohle der Welt, wie es so schön heißt… Ja, für einen Mann war da kein Platz. Ich stürzte mich wie ein Berserker von einem Kampfplatz zum anderen. Irgendwo auf der Strecke ging mir die Lebensfreude flöten. Plötzlich merkte ich wie müde, ausgezehrt und ausgemergelt sich mein Körper anfühlte. Ich galoppierte so schnell durchs Leben, dass ich mich nicht mehr wahrnahm. Um so schmerzlicher traf mich die Erkenntnis. Ja, tief in meinem Inneren sehnte ich mich nach mehr Ruhe, nach Freude, nach Geborgenheit. Wieder mal unbekümmert mit Freunden lachen. Zeit für mich haben. Zum ersten Mal seit Langem vermisste ich einen Partner an meiner Seite. Nur woher soll ich ihn nehmen? Ich ging praktisch nie aus und beim Brötchenkaufen ist mir auch keiner begegnet. Da bleibt nur eine Online-Partnervermittlung übrig, oder? Eine Frau der Taten wie ich zögert nicht lange. Ich meldete mich gleich probeweise auf mehreren Plattformen an. Letzten Endes fiel meine Wahl auf Parship. Ich wurde Mitglied.

Es war nicht einfach bis ich endlich durchstarten konnte. Damals (2007) musste jeder Mitglied einen Psycho-Test über sich ergehen lassen. Anklicken von Antworten auf Fragen, die mir – auf gut bayrisch – deppert vorkamen. Und keine der vorgeschlagenen Antworten, eigene konnte man nicht nennen, hatte etwas mit mir zu tun. Ich klickte mich genervt durch das Frage-Jungle durch. Der Test schien endlos lang. Als ich damit fertig war, musste ich erst ein Profil von mir anlegen; was ich mag, was ich will, was ich suche und was nicht. Fotos von mir einstellen. Uff, das ist erst mal mit viel Arbeit verbunden. Es fiel mir unheimlich schwer mich selbst zu beschreiben. Eine realistische Selbsteinschätzung ist auch keine einfache Sache, aber wichtig um einen passenden Partner zu finden.

Später bekam ich vom Parship eine Auswertung meines Tests. Das Gutachten war überraschend ganze 70 Seiten lang. Die Infos beruhten größtenteils auf psychologischer Theorie im Allgemeinen, mit kurzer Auswertung meiner Antworten, auch in Vergleich mit anderen Frauen. Es ging um wesentliche Charaktereigenschaften von mir, meine Gewohnheiten, Vorlieben, meine soziale Ader, also den Umgang mit andern, mein Psychogramm und eine Analyse meines Kommunikationsstils. Praktische Tipps für das erste Treffen rundeten das Gutachten ab.

Konnte ich mich damals in der Auswertung finden? Nein. Es lag grundsätzlich daran, dass mir die Fragen nicht passten, bzw. mir die Antworten, aus denen ich eine wählen konnte, nicht wirklich behagten. Aber ich musste eine nehmen, damit es im Test weiter ging. Ich wählte Antworten, die ich aus allen Vorschlägen noch am wenigsten daneben fand, die  sich aber trotzdem nicht stimmig anfühlten. So konnte ich mancher Auswertung nicht ganz offen begegnen, das verletzte Ego eben. Alles was wenig schmeichelnd klang, wie z.B. dass mein Streben nach Ordnung und einer pragmatischen Planung im Tagesablauf mich phantasielos erscheinen lässt (und ich mein Verhalten überdenken soll) – liest natürlich niemand gern. Manche meiner Charakterzüge waren aber erstaunlich gut getroffen. Ich musste damals schmunzeln als ich las, dass ich prinzipiell meine eigenen Vorstellungen kompromisslos verwirklichen würde, meine Neigung zur Eigenwilligkeit sehr stark ausgeprägt und mein Wunsch nach Partnernähe nicht so stark wäre. Ich solle mich doch bitte fragen, ob ich mein Singleleben ernsthaft aufgeben möchte.

Nun ja, ich lebte damals lange Jahre als glücklicher Single, klar, war ich mir nicht sicher, ob ich eine Beziehung wirklich eingehen möchte. Der Wunsch nach einem Partner war erst ganz frisch aufgekeimt. Ich hatte Angst meine Selbständigkeit aufzugeben. Ich befürchtete eine Zweisamkeit würde automatisch Einschränkungen meiner Freiheit mit sich bringen.

Wie auch immer, das Gutachten war definitiv interessant zu lesen und wie ich später von meinem Partner erfuhr, diese schriftliche Auswertung gab es in der Schweiz nicht. Also ein Pluspunkt für Deutschland.

Endlich, endlich bekam ich Partner-Vorschläge von Parship. Die Profile von anderen zu lesen braucht seine Zeit. Die Fotos sind hier nicht einsehbar, d.h. man muss die Texte gut lesen um sich in die Person einzufühlen. Erst wenn meine Anfrage angenommen wurde, und der Mann es wollte, hat er seine Fotos für mich freigeschalten. Dabei standen mir gefühlte hundert Profile zur Auswahl. Nach all den Jahren kann ich nicht mehr sagen wie viele es waren, aber eine ganze Menge. Erstaunlicherweise fanden sich darunter lauter Anwälte, Ärzte und Steuerbeamte. Das sei wohl meinem phantasielosen Pragmatismus und geordneten Tagesablauf-Wunsch geschuldet!

Weil die Liste so lang war, habe ich meine Auswahlkriterien erst auf München und Umgebung eingeschränkt. Da wurde ich aber gar nicht fündig. Entweder hat mich das Profil schon gar nicht angesprochen, oder der interne eMail Austausch fiel sehr kurz aus, weil der Funke schlicht und einfach nicht überspringen wollte. Gut fand ich bei Parship, dass ich damals die Möglichkeit hatte, einen Mann meiner Wahl zu einem Fragetest einzuladen, statt ihn direkt anzusprechen. Nicht immer ist mir ein origineller Anfragetext eingefallen, da war der Test eine willkommene Hilfe um mit jemanden in Kontakt zu treten. Mit der gegenseitigen Auswertung, die wir beide bekamen, falls die Anfrage angenommen wurde, ergab sich ein weiterer Dialog wie von selbst.

Ich selbst bekam meistens ca. 5 Anfragen pro Tag. Einige davon klangen wie ein Serienbrief. Ich war mir sicher, dass dieser gleichzeitig an viele andere Frauen in gleicher Form rausging. Mit der Zeit bekommt man dafür ein gutes Gespür. Ich habe es mir damals vorgenommen wirklich jedem Mann zu antworten. Wenn es nicht passte, habe ich mich für die Anfrage bedankt und ihm eine erfolgreiche Weitersuche gewünscht. Ich finde, das hat mit meiner, aber auch der menschlichen Würde eines Jeden zu tun und ist das Mindeste, was man tun kann. Ich hätte auch einen Button tätigen können, mit dem der Kontakt sofort blockiert würde. Ihr könnt euch überhaupt nicht vorstellen wie viele Dankesbriefe ich bekam. Briefe von Männer, die ganz offen zugaben wie verletzend es sich anfühlt, auf ihre Anfrage hin kommentarlos blockiert zu werden. Da sieht man wieder, Menschlichkeit und Freundlichkeit gewinnt immer.

Nur ein mal habe ich gezögert. Eine sehr kurze Anfrage von einem Mann, gleich mit Foto. Er hätte mein Profil gelesen, würde sich total angesprochen fühlen und mich gleich treffen wollen. Nun, das Foto; ein großer Mann, Glatze, Springerstiefel, die Arme voller Tatoos, mit einem riesigen Schäferhund. Ihr müsst wissen, als Polin überlegt man dann schon, ob es sich möglicherweise um einen ausländerfeindlichen Mann handelt könnte, und ob es so geschickt wäre sich da zu outen. Es war nur ein flüchtiger Gedanke, aber er kam auf. Mir persönlich ist nie etwas passiert, solange ich in Deutschland wohnte, aber man weißt ja nie. Auch ihm habe ich letzten Endes zurück geschrieben und offen zugestanden, dass sein Profil nicht ganz meiner Wunschvorstellung entspricht. Und wer hätte es gedacht, auch er entpuppte sich als ein sehr freundlicher Mann, der sich über meine Antwort freute, auch wenn sie eine Absage bedeutete, und bedankte sich überschwänglich für meine Offenheit.

Also, an dieser Stelle mein Appell: Liebe Frauen und Männer, auch wenn das soziale Netzwerk und die Online-Plattformen oft eine Anonymität ermöglichen, greift bitte nicht ständig darauf zurück. Man kann immer freundlich bleiben. Hinter jeder elektronischen Anfrage steckt ein Mensch mit echten Gefühlen. Eine kurze Absage ist schnell verfasst. »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Wie würdest du dich fühlen, wenn auf deine Anfrage hin ohne Begründung eine Meldung bekommst, dass du für die Person gesperrt bist? Ein bisschen Empathie schadet nie.

Nach und nach habe ich meine Auswahlkriterien auf ganz Westeuropa erweitert. So bekam ich mehr Profile zur Auswahl. Ich hatte das Gefühl, dass einfach kein passender Mann für mich aus Deutschland dabei war. Da bekam ich eine Anfrage von einem atemberaubend gut aussehenden Spanier. Ich stellte mir kurz vor, wie unsere Beziehung aussehen könnte. Die Aussicht eine Wochenend-Fernbeziehung zu führen, auf den Flughäfen zwischen München und Barcelona, empfand ich wenig beflügelnd. Ich sagte ab und überdachte meine Auswahlkriterien neu.

Eine Freundin von mir war damals auch online auf der Partnersuche und hatte ein ähnliches Problem wie ich, dass die vorgeschlagenen Männer nur einer bestimmten Berufssparte und ähnlichem Charakter entsprangen. Wie ich, bekam sie nur einen bestimmten Schlag Mann zur Auswahl, der ihr gar nicht zusagte. Nur sie war schlauer als ich, schrieb den Betreiber an und bekam dann tatsächlich andere Männer vorgeschlagen. Auf die Idee kam ich gar nicht. Nach ein paar Wochen war ich wirklich frustriert. Ich hatte hier und da einen wirklich guten und regen eMail Austausch, aber der Richtige war einfach nicht dabei. Negativ ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich oft das Gefühl hatte, dass die Männer gar nicht eine feste Partnerin suchen, sondern mehr einen Flirt. Da ich mit fast jeden Mann ein wenig hin und her schrieb, erfuhr ich oft ihre Geschichte. Erstaunlich viele Männer behaupteten, dass sie gerade in Scheidung lebten. Auf mein Nachbohren hin gaben sie zu, dass sie zwar noch im gemeinsamen Haushalt wohnen, aber auf der Suche nach einem neuen Heim waren. Vielleicht mit mir? Nun, wer‘s glaubt, wird selig. Ich brauchte so was nicht. Dabei gibt es doch so viele Flirt- oder Dating Börsen für einen One-Night-Stand, was die Männer auf Parship suchten ist mir echt schleierhaft.

Nach ca. 3 Monaten hatte ich die Nase voll. Mühselig erschien mir die ganze Chose. Ich hatte keinen Bock mehr. In dem Moment, als ich überlegte mein Account auf Parship zu sperren, meldete sich wieder die Stimme in meinem Kopf »Hey, wage noch einen letzten Versuch«. Ich seufzte und verdrehte die Augen. Dachte »Nö, echt nicht«. Noch mal die ganzen Profile stundenlang durchforsten, jemanden möglichst witzig und spritzig ansprechen, dazu war die Luft bei mir zu sehr raus. »Einen einzigen Mann noch anschreiben, mach’s«. »Ja, aber welchen, du Witzbold?« entgegnete ich entnervt und klickte auf meinen Account zum Öffnen. Als ich wieder die ellenlange Profilliste sah, hätte ich fast meine Faust in den Bildschirm reingehauen. Ihr könnt euch die Liste (zumindest damals) so vorstellen: Ihr habt einen PC mit ganz vielen Daten drauf, erzeugt jetzt eine Dateilistenansicht vom gesamten Verzeichnis aller Daten nach Größe oder Erstelldatum geordnet. Was seht ihr? Richtig, eine ellenlange Liste von kryptischen Namen samt Metadaten. Ohne Foto. Daraus soll ich mal schnell wieder einen aussuchen? Echt nicht. Ich war mehr als gereizt. Aus meiner Nase stieg schon der Rauch wie bei einem wütendem Stier. »Mach schon«. »Einen noch, ok.« schrie ich. »Aber, entweder ihr helft mir, oder ich mache sofort Schluss an dieser Stelle« wendete ich mich drohend an das Universum. Und dann fiel mir ein, ich bin doch Heilerin und habe gelernt mit den Händen Energie zu fühlen. Ich machte meine Augen zu, streckte meinen Zeigefinger aus und scannte damit die Liste langsam von oben nach unten und versuchte die Energie des Mannes dahinter zu fühlen. Plötzlich spürte ich einen starken Impuls und Druck auf der Fingerkuppe. Ich klickte mit der Maus an die Stelle und öffnete das neue Profil des Auserwählten. Ich überflog es kurz ohne wirklich mit dem Herzen dabei zu sein. War gar nicht so schlecht auf den ersten Blick, musste ich zugeben. Da ich noch immer ziemlich aufgeladen war, beschloss ich kurzen Prozess zu machen und lud den Mann zu einem Fragetest ein. Ich nahm den erstbesten Testvorschlag von Parship an, es war mir egal, ich glaubte eh nicht mehr daran, hier einen Mann zu finden. Nachdem ich schnell die 3 Fragen beantwortet habe, schickte ich die Einladung raus.

Ein Tag später kam der Test mit der Auswertung zurück, also hat er die Anfrage angenommen. Ca. 60% Übereinstimmung, d.h. wir haben auf die Test-Fragen ähnlich geantwortet. Nun lag es an mir ihn darauf anknüpfend anzuschreiben. Und siehe da, es entstand ein wundervoller Dialog mit einem echten Eidgenossen uus der Zentralschwiiz. Ich muss noch sagen, im Vergleich zu den Kontakten mit deutschen Männer, hatten die Schweizer die Nase definitiv vorne dran. Der Austausch war charmanter und immer individuell geschrieben, keine Serienbriefe wie von vielen Deutschen. Mädels, ich kann euch die Schweizer Männer definitiv weiter empfehlen!

Nun zurück zu meiner letzten Eroberung. Ich gab für ihn meine Fotos frei und umgekehrt. Seine waren sehr klein und in schlechter Auflösung. Auf einem Foto ein 1 cm großer Mann in Businessanzug, auf dem anderen beim Wandern, und eins in Badehose, sexy in die Kamera grinsend. Mein erster Gedanke war »So wie der lächelt, kann das Grinsen nur einer Frau gelten«. Das gefiel mir gar nicht. Später erfuhr ich, dass das Foto tatsächlich seine damalige Freundin geschossen hat. Dafür schwärmte er von meinen Fotos und trug ziemlich dick auf, geizte nicht mit spruchreifen, poetischen Komplimenten. Sabber, Sabber. Ich war hingerissen und spürte ein leichtes Kribbeln im Bauch. Dann kam seine Anfrage nach meiner Telefonnummer, er hätte keinen Bock mehr aufs Schreiben. Ich schluckte. Bis jetzt habe ich mit keinem telefoniert, geschweige denn einen getroffen. Jetzt wird es ernst. Will ich das? Ja. Wir verabredeten einen Tag, an dem er sich melden wollte. Ich war ziemlich angespannt; was wenn ich sein Schweizerdeutsch nicht verstehe? Ich habe es nicht so mit den Dialekten. Er rief an und war mir sofort sympathisch. Er hatte einen starken Akzent und ich musste wirklich konzentriert in den Hörer lauschen um ihn zu verstehen, aber es ging. Er war ein toller Gesprächspartner. Wieder ein Pluspunkt mehr. Zum Schluss war ich so froh, dass es mit dem Dialekt keine Schwierigkeiten gab, und ich sagte »Ich hatte ein wenig Angst, ich würde dein Schweizerdeutsch nicht verstehen, aber es ging doch ganz gut, gell?«. Darauf er, ein wenig entrüstet »Ich spreche doch Hochdeutsch«. Ups. Shit, shit, shit. Aber er nahm’s mit Humor.

Ziemlich schnell haben wir mehrmals am Tag telefoniert, wurden ziemlich vertraulich. Es entstand eine Intimität, die ich schon lange nicht gespürt habe. So langsam verliebte ich mich in den Fremden ohne Gesicht. Bis er fragte »Wollen wir uns sehen?«. Puhhh, mir wurde ganz heiß. Es ging alles so schnell. Ich dachte, wenn er zu mir kommt und ich ihn nicht mag, wie werde ich ihn los? Dann gehe ich lieber zu ihm und kann jederzeit abhauen. Er war einverstanden. Wir machten gleich ein Wochenende fest ab. Ich entschloss mich doch zu fliegen statt Auto zu fahren, weil es zu schneien anfing und buchte mein Ticket. Währenddessen bekam ich Besuch von meinen Mädels. In geselliger Runde erzählte ich ganz aufgeregt von meinem Wagnis, zeigte ihnen das Profil des Schweizers. Auch sie waren ganz neugierig auf seine Fotos. Wir rätselten was für ein Mann wohl dahinter steckt. Plötzlich sagte eine Freundin »Weißt du, Grażka, das eine Foto von ihm in Anzug, das ist für die Arbeit. Ansonsten ist das ein ganz naturverbundener Typ. Wenn du zu ihm gehst, musst du dich anders anziehen als sonst. Wenn du so stylish aufgetakelt daher kommst, läuft er dir gleich weg«. »Ja, echt jetzt, meinst du?« Beide waren sich zu 100% sicher, dass dieser Mann kein Modepüppchen will. »Aber ich ziehe mich halt so an, ich bin so, ich kann mich doch nicht verkleiden.« »Nein, nein, nein, so kannst du nicht gehen«. »Mist, und was soll ich anziehen?« Sie durchforsteten meinen Kleiderschrank und suchten eine Jeans, flache Stiefeln und einen dicken, weiten Wollpulli aus. »Aber, den Pulli trage ich nur zu Hause, wenn es kalt ist, den ziehe ich doch niemals zum ausgehen an.« »Doch. Sonst ist der Typ weg, glaub uns.«

Ich wollte nicht, dass er gleich weg ist. Obwohl mir mein Bauchgefühl was anderes andeutete, hörte ich doch aus lauter Unsicherheit auf meine Weiber und nahm die Kleiderwahl mit ungutem Gefühl an. Ich stellte mir vor, dass es wirklich ein ganz natürlicher Typ war, Jeans mit Karohemd, wahrscheinlich mit einem verbeulten, alten Kombi in dem sich sein Rennrad und anderes Zeug stapelte. Da ist der Münchner Schick vielleicht doch fehl am Platz. Nicht, dass ihm sein Look im Vergleich zu meinem peinlich ist und gleich zu Anfang eine unüberwindbare Barriere entsteht. Ach, was soll’s, ich nehme doch lieber den Schlabberpulli. Dass dazu keins meiner Tussi-Handtäschchen passte war klar, packte ich kurzerhand meinen kleinen Rucksack und war startklar.

München – Zürich, Freitag Abend, ein kurzer Flug, alle in Businessanzügen, nur ich mit Schlabberpulli. Es kann nur besser werden. Ziemlich nervös kam ich in der Wartehalle an. Nach wem halte ich jetzt Ausschau? Wie sieht der Fremde aus? Wie begrüßt man einen Fremden, den man nie gesehen hat, aber der durch die Telefonate schon so vertraut geworden ist? Ich sah mich um, während ich mich an meinem Rucksack festhielt. Plötzlich steht ein Typ vor mir. Schick und gestylt von oben bis unten, eleganter geht es nicht mehr. Mir rutschen Herz und Magen in die Schlabberhose. Ich stehe perplex zur Salzsäule erstarrt da und möchte im Boden versinken. Nach einer Sekunde des Zögerns und einem recht erstaunten, routiniert-männlichen Scanblick rauf und runter (Also Busen bis Arsch), nimmt er mich kurz in den Arm. Zum Glück habe ich mich wenigstens geschminkt. Wir gehen zum Auto, natürlich ein schicker Mercedes. Ich fühle mich gar nicht wohl, das Selbstbewusstsein verdünnisiert sich wie Feuerrauch im Äther. Ich fange an zu schwitzen. Na, super. Zum Glück muss er fahren und hat mich nicht so genau im Visier. Ich versuche mich zu beruhigen und luge diskret zu ihm rüber. Nicht schlecht. Trotzdem habe ich mir ihn ganz anders vorgestellt und fühle mich erst unsicher. Dem Himmel sei Dank, kann er gut eine Konversation am Laufen halten, seine dunklen Augen strahlen mich an und ich entspanne mich langsam. Er nimmt plötzlich meine Hand in seine und knetet sie zärtlich. Ich mag es.

Am Abend gehen wir in ein schickes Thai Restaurant in Luzern. Derweilen finde ich mich wieder, erzähle ihm von dem Mädel-Abend und ihrer strengen Kleideranordnung und wir lachen uns kaputt. Nichtsdestotrotz war mir mein Schlab­ber­look in dem gediegenem Ambiente beim Thai sehr unangenehm. Solidarisch zog er auch eine Jeans an, nahm mich an der Hand und führte mich aus.Es wurde ein lange Abend.

Am nächsten Tag hat er spontan umdisponiert und passend zu meinem Look fahren wir in die Berge, im Grunde gleich hinterm Haus. Bei der Talstation parkt er sein Auto und sagt komm. Wir gehen ein paar Stufen hoch in ein winziges Holzhäuschen rein. Ich bin gespannt; was kommt jetzt? Oh, Schreck, weiter geht es nur noch mit der Bergbahn hoch, dabei leide ich an Höhenangst. Die Bahn heißt nicht umsonst „Panoramabahn“. Eine ovale Kapsel, rundum verglast. Da steige ich im Leben nicht ein. Ausgeschlossen. Der Schweizer lacht und zieht mich rein, die Türen schließen. Panik. Tief durchatmen, Grażyna. Du stehst in der Münchner U-Bahn, es kann nichts passieren, gleich steigst du am Stachus wieder aus… Wir schweben in die Höhe, ein Wind kommt auf, es ruckelt. Die Bahn bleibt stehen, während sie im Wind hin und her schaukelt. Vor meinem geistigen Auge erscheint ein James-Bond-Film. Ich sehe uns schon aus der Kapsel springen, die am letzten Faden hängt und wie wir im freien Fall in die Tiefe stürzen. Niemand wird je unsere Leichen finden. Meine Eltern wissen nicht mal, dass ich in der Schweiz bin. Ich kralle mich am Sitz fest. Und erwarte jeden Moment den berühmten Schnelldurchlauf meines Lebens, bevor sich meine Seele vom Körper trennt. »Du, schau mal« kam es plötzlich von der Seite. Komisch, dass seine Stimme so ruhig klingt. Er streckt den Arm aus und ich schau vorsichtig hin. Hinter uns erstreckt sich ein atemberaubendes Panorama auf See und schneebedeckte Berge. Ich riskiere einen kurzen Blick. »Hast du Angst? Du bist ganz weiß im Gesicht« sagt er und zieht mich näher an sich heran. Die Bahn fährt auf wundersame Weise plötzlich weiter.

Oben angekommen gehen wir direkt in das heimelige Restaurant rein. Nun bin ich auch passend angezogen und fühle mich gleich wohl. Die Sonne scheint, der Schnee glitzert und ich genieße den Ausblick über die Berge aus dem großen Panoramafenster der Wirtschaft an der Seite eines wunderbaren Mannes. Wir bestellen Älplermagronen nach überliefertem Rezept. Ein traditionelles Gericht aus dem schweizerischen Alpengebiet, heißt es. Ich habe keine Ahnung um was es sich handelt, Hauptsache es ist vegetarisch. Serviert wurden breite Nudeln mit Kartoffeln, Sahne und Zwiebeln mit Käse überbacken, dazu Apfelmousse. Deftig, deftig, ich fühle mich schon fast wie in Bayern. Heimatgefühle kommen auf. Meine neue Heimat? A so a Schmarrn! Von vorzeitiger Abreise kann trotzdem keine Rede sein. Während wir löffeln, schauen wir uns immer tiefer in die Augen…

Danke, liebes Universum, für euren Tipp. Also, was Männer angeht habt ihr echt einen tollen Geschmack bewiesen. Ich gebe euch 6 von 5 möglichen Sternchen! Und schwebe selbst im siebten Himmel.

Nach 2 Jahren Fernbeziehung wagte ich den Sprung und zog in die Schweiz. Nach weiteren 2 Jahren fällt mein Eidgenosse in Thailand auf die Knie und fragt, ob ich seine Frau werden möchte. »Ja« hauche ich hin, während mir Tränen in die Augen schießen.

Foto: Pixabay.com/de
Mehr zu Grazyna: www.grazynaberger.com

 

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