Mama

Die heutigen Tränen gehören dir…

 

Es ist 6 Uhr morgens. Mein Mann ist gerade zur Tür raus. Ich bin geistig seit über einer Stunde wach, doch mein Körper weigert sich aufzustehen.

Eine Schwere liegt wie ein Elefant über meiner Brust. Ich schleppe mich in die Küche, mache einen Riesenbecher voll mit grünen Tee und krieche zurück unter die Decke. Schlafen kann ich nicht mehr, also lese ich im Buch, schlürfe den heißen Tee. Die Konzentration will sich nicht einstellen, ein Wort weiter und ich weiss nicht, was ich zuvor gelesen habe. Was ist bloß mit mir los? Das Buch fällt zur Seite, ich umklammere die Tasse, während sich Tränen in meinen Augen sammeln.

Mama.

Am Wochenende war ich in Deutschland und besuchte mit meinem Mann die letzte Ruhestätte meiner Mama. Der Himmel, schwer wolkenbehangen, wird mit jeder Minute dunkler, grauer, es regnet. Es macht mir nichts aus. Da, wo wir hinfahren, erwartet mich ein wunderschöner Wald und kein trostloser Friedhof mit kalten Grabplatten. Wir parken ein, ziehen Turnschuhe an, nehmen zwei Regenschirme mit und laufen los. Der Regen ist weg, es riecht wunderbar nach Erde und nasser Baumrinde. Bald sind wir da. Hier liegt sie, unter den Wurzeln eines Baumes begraben. Kein Mensch weit und breit. Normalerweise würde ich jetzt mein iphone rausholen und das Lieblingslied meiner Mutter abspielen. Aber ich lege nur eine Feldblume hin und lausche. Lausche den Geräuschen des Waldes. Was für eine Kulisse, was für eine Geräuschkulisse. Der menschenleere Wald nach dem Regen klingt überirdisch, die Vögel zwitschern, die Äste knacksen, man hört die Regentropfen vom Blatt fallen… Diese laute Stille, unglaublich.

Ich bin super glücklich und stolz diesen Ort für meine Mama gefunden zu haben. Ganz kurz bin ich auch traurig, dass sie, als sie noch lebte, nicht wusste, wo sie hinkommt. Aber die letzten Wochen, Tage, Stunden an ihrem Sterbebett schwiegen wir den Tod an. Als ob man damit den Tod hinauszögern könnte. Was ich nicht sehe, kann mir nichts. Der nächste Gedanke tröstet mich, sie weißt es trotzdem… Mein Mann und ich sprechen nicht. Zum Schluss schauen wir uns in die Augen, lächeln uns von Seele zur Seele an, ich sage »Tschüs Maminku« und wir gehen. Keine große Sache, nichts, was mich depressiv oder traurig stimmt.

Doch heute ist wieder einer dieser Tage, da rollen einfach die Tränen. Die noch ungeweinten. Anscheinend sind noch nicht alle ausgeweint. Auch gut. Zumindest wird die Brust wieder freier. Ich wähle die Nummer meiner Mutter in München. Sie ist immer noch nicht vergeben. Meine Mutter ging aber auch diesmal nicht ans Telefon. Dabei habe ich das erste Jahr nach ihrem Tod gehofft, dass sie vielleicht doch rangeht und alles nur ein böser Traum war. Ich hätte noch so viele Fragen an sie, nach ihrem Rezept für Faworki und den Fisch auf griechisch, zum Beispiel. Belangloses, das das Leben ausmacht und füllt. Ich kann sie nicht mehr fragen. Und es tröstet mich nicht, dass ich ihre Seele fühlen kann. Mir fehlt die Stimme, ihre kleine, warme Hand auf meinem Gesicht, der Rotebete-Salat, den sie für mich machte, ihr ganz spezieller Duft nach Mama. Am höchsten Punkt des Kopfes, da, wo das Kronenchakra erwächst, roch meine Mama besonders stark nach Mama. Kein anderer Mensch riecht so wie sie. Ich war süchtig nach diesem Duft, der warm, betörend, süss, mir Heimat war.

»Ich will diesen Duft nicht verlieren« denke ich, während ich damals in Hospiz an ihrem Bett stehe, meine Nase in ihrem Haar vergraben. Er gehört mir, nur mir alleine. Nur ich habe darauf einen Anspruch, also zieh von dannen Lord Yama, god of death. Beklaue mich nicht. Mag sein, dass dir fürs Erste die Seele meiner Mutter gehört, aber der Duft ist mein Eigentum. »MEIN«, hörst du? Ich bin stinksauer und zittere vor Angst wie Espenlaub. Ich bin ein Einzelkind, ich will nicht teilen, ich gönne ihm den Duft nicht. »Wenn der Duft weg ist, bin ich dann verloren? Heimatlos?« frage ich mich. Heute kann ich diesen Duft, verdammt nochmal, nicht mehr abrufen. Meine Nase erinnert sich nicht mehr, mein Herz schon. Meine Brust fühlt sich wieder schwer an. Ich stehe auf und hole eine Fellmütze aus dem Schrank. Setze sie bedächtig auf den Kopf. Sie gehörte meiner Mama, riecht aber nur noch nach Mütze. Ich schaue in den Spiegel, aber ein anderes Gesicht, nicht das meiner Mama, erscheint. Es sind nicht die grossen, riesigen Augen, nicht der volle, runde Mund, die ich gerade herbeisehne. Ich greife nach der Mütze, ziehe und drücke sie mir fest auf die Brust. Das hilft. Es fühlt sich gut an. Es geht wieder.

Ich beschließe heute nicht zu arbeiten, ziehe Wandersachen an und gehe raus. Die Sonne scheint. Im Schatten ist es kalt. Ich spaziere entlang des Flusses, ganz langsam und bedächtig stelle ich die Füsse auf den Feldweg ab, schreite ein Schritt nach dem anderen voran. Der Magnolienbaum blüht zartrosa. Ein Milan dreht gemächlich seine Runden. Ein älterer Herr gräbt in seinem Rucksack, holt ein Käppi raus, begrüsst mich und zieht an mir vorbei. Zwei Mountainbiker kommen mir entgegen, grüssen fröhlich. Ich gehe weiter, ein länglicher Insekt mit zarten, durchsichtigen Flügeln landet auf meiner rechten Brust. Hoffentlich spürt er nichts von meiner Trauer. Ein hellgelber Schmetterling mit rostbraunen Streifen entlang der Flügelenden flattert vorbei. Ich passiere eine Herde Schaffe. Ganz wollweiss, nur die Köpfe sind schokoladenbraun. Lustig. Ich zähle sie. 12 Stück sind es. »Wie die Apostel« kommt mir in den Sinn. Mit Jesus waren es 13. Eine heilige, glückbringende Zahl. Ein gutes Omen? Dann eine rote Holzbank. Sowas gibt es wirklich nur in der Schweiz, Holzbänke auf Wanderwegen. Diesmal gehe ich vorbei, mag dort nicht verweilen. Die Erde und die Steine unter meinen Füssen zu spüren, der langsame aber rhythmische Gang haben eine beruhigende Wirkung auf mich. Außerdem habe ich mich viel zu dick angezogen.

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An der dritten Bank werde ich doch verführt, sie steht unter einer alten Tanne im Schatten. Ich nehme Platz und schaue zwischen den sonnenbeschienen Zweigen empor. Was für ein herrlicher Platz. Glitzernde Spinnfäden strahlen mit den Sonnenstrahlen um die Wette. Was für ein Lichtspiel. Ein Gewimmel von Insekten schwirrt summend durch die Luft, jedes glänzt wie Gold vor dem Hintergrund dunkler, im Schatten stehender Baumstämme. Ich hole mein Smartphone aus der Tasche und möchte diesen erhabenen Moment festhalten. Leider kann die Kamera diese Feinheiten nicht sehen, nicht einfangen. Also genieße ich reglos, still den Anblick der Natur. So fett, so verschwenderisch, so bunt, majestätisch, so bewegt wie bewegend. Ich genieße den Augenblick. Auf dem Rückweg sehe ich einen rot-gold schimmernden Käfer, wie ich sie liebe. Dann noch eine ca. 6 cm kleine Eidechse, sie verschwindet schnell zwischen den Steinen. Mein Herz hüpft vor Glück, mein Gang wird schneller, es geht auch abwärts. Aber das ist nicht der Grund, es ist mein eigener Rhythmus, der sich dem Herzschlag von Mutter Erde anpasst. Das Blut scheint wieder durch meine Adern zu fließen. Synchron mit dem Leben. Das Leben geht weiter. Ich laufe an einer wandernden Seniorin vorbei und schreie Grüezi. Sie erschrickt leicht, da ich von hinten komme. Das Leben hat mich wieder. Ich bin dankbar.

Ob meine Mama sehen kann, wie schön ich es hier habe?

Fotos: ©Grazyna Berger.
Mehr zu Grazyna: www.grazynaberger.com

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