Wesak, Walpurgisnacht und ein Hoch auf die Yoni

Wesak-Fest

Am 22. April war es wieder soweit – Vollmond im Stier, auch bekannt als Wesak, der höchste buddhistische Feiertag. Zu diesem Zeitpunkt wird weltweit der Geburtstag von Lord Buddha Siddhartha Gautama gefeiert. Wie seit einigen Jahren Ritus, saß auch ich an diesem Morgen auf meinem Medi-Kissen und meditierte auf das Mantra »Om mani padme hum«. Diesmal alleine, aber trotzdem mit der ganzen Welt. Es ist ein wunderschönes Mantra, ich liebe es. Ich glaube, es bringt wirklich jedes Herz zum Leuchten. Ich bin keine Buddhistin, aber ich weiß um die große spirituelle Energie, die diesen Tag so besonders macht.

Das Mantra selbst wird Lord Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls zugeordnet (sowie Kwan Yin). Symbolisch bezieht sich dieses Mantra also auf das allumfassende Mitgefühl allen Wesen gegenüber. Das ist ein wunderschöner Gedanke. Om mani padme hum wird oft mit »das Kleinod oder das Juwel in der Lotosblüte« übersetzt. Wird es rezitiert, entfaltet es seine stark beruhigende sowie reinigende Wirkung auf physischer und energetischer Ebene.

Ich selber weiß und verstehe zu wenig von Buddhismus um darüber schreiben zu können. Was ist heute in diesem Artikel schreibe ist meine persönliche Sicht der Dinge und meine Gedanken, die zu der Zeit zwischen Wesak und Walpurgisnacht aufgekeimt sind. Wer sich für Buddhismus interessiert, findet genug Literatur zu diesem Thema. Zwei Bücher kann ich sehr empfehlen. Zum einen das Wesen und Sinn des Buddhismus von Daisetz Teitaro Suzuki, einem spirituellen Lehrer und buddhistischen Philosoph, wundervoll und verständlich geschrieben.

Zum anderen das  Om mani padme hum von Master Choa Kok Sui, einem spiritueller Lehrer und Philanthrop. Hier werden buddhistische Geheimnisse preisgegeben, die sonst nicht so bekannt sind. Der Autor spricht über die innere Bedeutung dieses Mantras, beschreibt was beim Rezitieren energetisch passiert und zeigt Wege auf, wie wir diese spirituelle Energie mit einer bestimmten Meditationstechnik empfangen können. Wirklich lesenswert.

Om mani padme hum – und wo bleibt die Göttin?

Zu wenig Beachtung findet, meinem Empfinden nach, die Rolle der Göttin oder der Frau in Zusammenhang mit diesem Mantra. Im tantrisch geprägten Buddhismus geht es bei diesem Mantra um die Vereinigung eines heiligen Paares. Dort steht Mani (Juwel) für den Penis, während Padme, die Lotusblütte, die Vulva symbolisiert. Als Begründer des tibetischen tantri­schen Buddhismus gilt Lord Padmasambhava, auch „Guru Rinpoche“ genannt, was soviel wie „kostbarer Meister“ bedeutet. So soll er im achten Jahrhundert geheime Tantra-Lehren des Buddhas nach Tibet gebracht haben. Den Juwel im Lotus durfte ich in Indien als die Lingam-Yoni-Darstellungen kennenlernen, die in den vom Hinduismus beeinflussten Gebieten Südostasiens generell als tantrische Altarsteine verbreitet sind. Diese Darstellungen erinnern uns daran, dass unsere physische Existenz immer aus einer sexuellen Verbindung zwischen Göttin und Gott entsteht. Somit ist die Sexualität ursprünglich eine göttliche Bewegungskraft, die alles erschafft.

Durch patriarchalisch-religiöse (Neu)Interpretationen geht die ursprüngliche Rolle und Bedeutung der Frau sowie ihre Symbolik leider verloren. Die Spiritualität und Heiligkeit der Frau wurde uns aberkannt, unsere wichtigsten Symbole wurden oft übernommen aber männlich umgedeutet. Doch lässt sich die Yoni-Symbolik in tantrischen Praktiken sowie als Teil der spirituellen Traditionen und des künstlerischen Ausdrucks auf der ganzen Welt finden. Das Wort Yoni bedeutet im Sanskrit Ursprung, steht aber auch für die weiblichen Genitalien wie Vulva und Gebärmutter.

Der Lotus wird in Asien seit jeher als das Symbol der kosmischen Yoni angesehen, aus der am Anfang alles Leben entstanden ist. In Indien steht der Lotus für die Göttin. Das keltische Symbol für die Yoni ist die Muschel. Es stammt von der Göttin Brigit, abgeleitet von Aphrodite, die laut der griechischen Mythologie aus der Muschel geboren wurde. Heute verbinden die Christen die Muschel mit dem Jakobsweg, die sie als Zeichen für das Abschließen ihrer Pilgerreise tragen.

 

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Wer sich das Bild „Die Geburt der Venus“ von Botticelli anschaut, findet die Göttin auf einer riesigen Muschel stehen. Botticelli scheint um die symbolische Kraft der Muschel gewusst zu haben und verbindet sie zu Recht mit der Liebesgöttin Venus. Trotz der schamhaften Pose, Brust und Venushügel mit Händen bedeckend, stellt Botticellis sie doch als eine sinnliche und vor allem nackte Frau dar und macht die Venus dadurch zum ersten weibliche Akt der Neuzeit. Dabei war damals der nackte Körper ein totales Tabu.

Im Inneren einer Muschel finden wir eine Perle, die seit jeher als Schmuckobjekt geschätzt wird. Auch sie gilt als das Symbol der Yoni und war Aphrodite heilig. Der Perle werden in verschiedenen Mythologie große Kräfte zugesprochen. In der moslemischen ist das Paradies eine Perle, das dem Held nach dem Tod sexuell-sinnliche Paradiesfreuden verspricht. Die Yoni der chinesischen großen Mutter ist als das genitale Jadetor oder Perlentor bekannt. Wenn wir heute von besonderen meist spirituellen Erkenntnissen sprechen, benutzen wir oft den Ausdruck »Perlen der Weisheit«. Eine Analogie auf die Weisheit der Göttin und ihr Symbol?

Die innere Schicht der Muschel besteht aus Perlmutt, eine Farbe, die im Schamanismus zu Heilzwecken benutzt wird. Perlen symbolisieren auch Tränen. Tränen, die weiblichen Flüssigkeiten und das Wasser gehören dem Reich der Gefühle an. Das Element Wasser wird dem Weiblichen zugeschrieben und ist stark reinigend. Deshalb weinen Frauen aus allen möglichen Gründen, wenn sie traurig oder glücklich sind, wenn sie Schmerzen empfinden, überwältigt sind oder sich schlecht behandelt fühlen.

Die Perle als Symbol war wohl so wichtig, dass sie als Gebetskette bzw. der Rosenkranz in den Christentum integriert wurde. Auch die muslimische Kette basiert auf Perlen, entsprechend der 99 Namen Allahs.

 

Vesica_piscis

Vesica Piscis

Ein weiteres verbreitetes Symbol der Yoni, das übernommen wurde, war der Fisch bzw. das Fischgefäß (Vesica Piscis), das als zugespitztes Oval symbolisiert wird. Der Name spielt wohl auf den Fischgeruch der weiblichen Genitalien an, sagt man. Wir finden das Symbol oft in der christlichen Kunst und über den Namen „Ichthys“ dem Christus zugeordnet. Aber es ist ein heidnisches Symbol für die große Mutter. Ichthys heißt Fisch auf griechisch. Der vollständige Name Christi ist Jesus Christos Theou Hyos, Soter, was „Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser“ übersetzt heißt. Die Anfangsbuchstaben bilden daraus das griechische Wort Fisch, so die frühchristliche Erklärung aus der alles Vaginale ausgemerzt wurde. Allerdings ist das Symbol bereits aus Zeiten vor dem Christentum bekannt und populär gewesen.

So soll Ichthys der Sohn von Atargatis, der syrischen antiken Meeresgöttin der Fruchtbarkeit, gewesen sein. Auch die Liebesgöttin Aphrodite oder Delphine wurden als Meerjungfrauen dargestellt. Im Griechischen stand Fisch als Synonym für den Schoß. Delphos bedeutet Gebärmutter. Das Orakel von Delphi bekommt so eine noch tiefere Bedeutung, für mein Verständnis geht es um die urweibliche Weisheit und Kraft der Gebärmutter und des Schoßes.

Freitag war Aphrodites Salacia, der Fisch-Göttin, ihr heiliger Tag. Wer am Freitag Fisch schlemmte, wurde mit Wollust gesegnet, glaubte man. Venus war die römische Göttin des erotischen Verlangens. Nach ihr wurde dieser Tag – Veneris – benannt. Im Lateinischen heißt der Freitag „dies Veneris“, also der Tag der Venus. Die Göttin Freya ist das germanische Äquivalent dazu, daher der Name Freitag. Na ja, mit einer anderen Bedeutung kennen wir alle den katholischen Brauch am Freitag Fisch zu essen, allerdings hier als reines Fasten zu verstehen.

Sheila-na-gig

 

Die Assoziationen der Vesica Piscis mit der Gebärmutter oder Yoni sind sehr alt. Die chinesische Große Mutter Kwan Yin wird »Yoni aller Yonis« genannt. Die heidnischen Große Mutter mit ihrer lebenspendenden Vulva, berühmt durch die weiblichen Steinstatuen der „Sheila-na-gig“, wurde in Irland verehrt. Ähnlich und künstlerisch sehr schön wird in Indien auch die Göttin Kali in ihrem sexuellen Aspekt dargestellt. Tatsächlich ist die Yoni eine starke, heilige Kraft, immerhin symbolisiert sie den Ursprung des Lebens.

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Auch in der gotischen Architektur und christlichen Kunst finden wir die Form der Vesica Piscis wieder. In der christlichen Kunst wird Jesus oft innerhalb dieser Form (hier Mandorla genannt) dargestellt und die kirchliche Dichtung ist manchmal in einem vertikal ausgerichteten Vesica Piscis eingeschlossen.

Die Form des Vesica Piscis selbst ergibt sich aus der Kreuzung zweier Kreise, dem pythagoreischen „Maß des Fisches“. Als mystisches Symbol bedeutet sie die Kreuzung zwei Welten, der göttlichen mit der materiellen Welt, was den Beginn der Schöpfung versinnbildlicht. In der Abblidung rechts sehen wir Jesus auf einem Bogen sitzen während seine Füße auf einem zweiten ruhen. Dies soll die Brücke zwischen den zwei Welten versinnbildlichen.

In diesem Sinne verstehe ich auch das Mantra Om mani padme hum. Wenn Mani, das Juwel, als Symbol für das männliche Prinzip steht und Padme, die Lotosblüte, als Symbol für das weibliche Prinzip, so geht es um die Vereinigung von zwei Polaritäten wie Gott und Göttin, Vater Himmel mit Mutter Erde, männlich und weiblich oder das Yin Yang. Es geht um die Einheit dieser zwei sich durchdringenden Polaritäten aus der die Welt entstanden ist.

Keiner von beiden ist besser oder göttlicher als der andere. Es stimmt, dass wir Frauen durch das Patriarchat „entgöttlicht“ wurden. Aber es liegt an uns Frauen selbst diese Heiligkeit wieder zu spüren, zu leben, auszustrahlen. Es wird uns und der ganzen Welt zugutekommen. Die Männer sind nicht weniger wert, sie sind anders, sie haben eine andere Spiritualität, die sie durchaus ausleben sollten. Wünschenswert wäre dabei, die Tendenz Frauen herabzuwürdigen, aufzugeben. Lasst uns bitte endlich mit diesen abwertenden Hierarchien aufhören.

Walpurgisnacht

Dem Wesakfest folgt gleich die Walpurgisnacht. Am 1. Mai – der Zeit um Beltane – geht es um die Lebensfreude, Lebenslust und die herrlich leuchtenden Farben der Natur, die unsere Sinne berauschen. Verlockung und Sinnlichkeit liegen in der Luft, wir tanzen um den Maibaum. Das Aufstellen des Maibaums ist ein heidnischer Brauch. Der Maibaum symbolisiert den Phallus (Gottes) der in den Schoß von Mutter Erde gestoßen wird und das darf gefeiert werden! Dieser Brauch soll aus Indien stammen und erinnert an die Verehrung des großen Lingams.

Bei den Kelten ist die Walpurgisnacht als Beltane bekannt, bei den Römern als Floralia. Das Beltanefest ist astrologisch wie das Wesakfest im Sternzeichen Stier (Erdzeichen) angesiedelt und wird planetarisch der Venus zugeordnet. Ähnlich dem Wesakfest-Gedanken ist das eine Zeit in der wir zur Ruhe kommen dürfen (wie auch die Wirkung des Mantras »om mani padme hum« ist), die Arbeit sein lassen und das Leben sowie die Sinnlichkeit der Venus genießen sollen. Es ist eine Zeit der Heiterkeit, Begehrlichkeit und Nacktheit, in der wir unsere physische Schönheit bewusst wahrnehmen, präsentieren und sie ehren, der Natur gleich. Da diese Zeit für die sexuelle Potenz der Göttin steht, folgten früher verliebte Paare der Maikönigin und -könig (Freya und Freyr) ins Gehölz um in der freien Natur lustvoll miteinander zu verschmelzen, so der Brauch. Somit steht die Walpurgisnacht für die Fruchtbarkeit der Natur aber auch der Frau und wird als wichtiges Hexenfest gefeiert.

Ein Hoch auf die Frau

Ich finde, wir brauchen keine Organisationen um unsere weibliche Göttlichkeit neu zu etablieren. Lasst uns nicht darauf warten, dass uns andere auf diesen Status erheben, sonst vergehen wieder Jahrhunderte. Es reicht, wenn jeder Frau erst mal bei sich selbst anfängt und mit voller Hingabe aus der inneren Ruine einer gefallenen Göttin wieder ein starkes Fundament der weiblichen Kraft errichtet. Aspekt für Aspekt. Selbstwert, Selbstliebe, für sich selbst einstehen, mal unbequem werden, Nein sagen zu Dingen, Projekten und Personen, die uns verzetteln, unseren Zielen fernhalten und uns permanent schwächen, der Intuition vertrauen, dem Herzen folgen, schöpferisch statt ständig erschöpft sein. Wir sind physisch nicht so stark und immerzu dynamisch wie die Männer. Wir sind zyklisch wie der Mond, nur müssen wir das erst akzeptieren. Dafür sind Frauen voller Hingabe, die sie alles erreichen läßt, wenn sie sich auf das, worauf es wirklich ankommt, fokussieren.

Frauen sind großartig, schön und heilig. (Männer natürlich auch, aber ich fühle mich berufen zu, für und über Frauen zu sprechen). Frauen geben Leben. Nicht nur Kindern sondern auch Ideen, Visionen… Sie sind voller innerer Weisheit, die sie anzapfen können, wenn sie diese Kräfte heiligen.

Sie sind Heilerinnen, die sich um das Wohl und die Genesung anderer kümmern. Was wäre das Kind ohne die heilsame Berührung der Mutter? Was wären die Krankenhäuser ohne die Schwestern? (Obwohl es inzwischen natürlich auch sehr liebevolle männlicheKrankenpfleger gibt)

Frauen sind Hohepriesterinnen, die mit ihrer Intuition sich selbst und anderen helfen können, aber nur, wenn sie sie anerkennen und sich trauen auf ihre Stimme zu hören.

Frauen sind Kämpferinnen für das Wohl ihrer Kinder, ihrer Familie, für die Rechte der Schwachen und Entrechteten. Dafür müssen sie sich erlauben mal wild und wütend zu sein, statt nur brav, artig und lieb vor sich hin zu lächeln. Nur so finden wir Gehör und mobilisieren die notwendigen Kräfte.

Frauen sind Göttinnen. Jede einzelne von uns, hörst DU? Du bist nicht auf die Welt gekommen um klein und schmutzig zu sein oder dein göttliches Licht zu trüben. Also steh auf und leuchte. Das ist Heilung genug.

Alles was existiert ist aus Liebe entstanden. Mann, Frau, Tiere, Pflanzen, Mineralien, Sonne, Mond, Sterne und die ganze Erde. Die Erde ist ein Planet der Liebe; der Liebe zu sich selbst und zu anderen, der sexuellen Liebe und der allumfassenden Liebe, gegenüber allem was existiert.

Um so trauriger ist es, dass die Erde immer noch ein Platz ist, wo Frauen entmündigt, beschnitten, als Besitz angesehen werden, physisch, sexuell und emotional missbraucht, verschleppt, gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen und als „schmutzig“ abgestempelt werden. In Indien z.B. dürfen Frauen, die menstruieren, nicht in den Tempel rein, auch keine Pujas durchführen, sie werden in der Zeit von Familienfesten und allen wichtigen Anlässen ferngehalten. Die Kirche gibt uns die unbefleckte Jungfrau als Vorbild, die, ohne je menstruiert zu haben, einen Sohn gebiert… Ist das nicht komisch, dass wir Frauen nur dann als heilig angesehen werden, wenn wir schwanger sind, diese Heiligkeit aber mit der ersten Blutung verlieren, als schmutzig und Mensch zweiter Klasse angesehen werden?

Es muss noch viel auf der Welt passieren um hier einen Wandel zu bewirken. Der Widerstand der männlich geprägten Welt mag momentan erschreckend erscheinen. Aber damit hier Fortschritt geschieht, wäre es gut, wenn jede Frau bei sich selbst anfängt, die göttlichen Attribute neu zu entdecken, zu rehabilitieren und ins Leben zu integrieren. Für ein besseres Leben, weil wir es uns wert sind. Mutter Erde werde uns danken. Es lebe die Yoni!

Foto: Wikimedia, Pixabay.com/de
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